|
-------
Jun 23 2010
Interview mit Dr. Darsi Ferrer und Juan Juan AlmeidaEscrito por: Yoani Sánchez en Allgemein
Grüße von Darsi Ferrer an die kubanischen Blogger:
Die Aufnahmen wurden freundlicherweise vom unabhängigen Journalisten José Alberto Àlvarez zur Verfügung gestellt.
![]() Der Mann kam in den kleinen Buchladen „El Cóndor“, dessen Schaufenster sich gegenüber der Mauer befindet, die an die Züricher Universität grenzt. „Ich suche Bücher von Corín Tellado“, murmelte er leise und ich schrak am Computer hoch, an dem ich die neuesten aus Buenos Aires, Madrid oder Mexiko-Stadt stammenden Titel eintippte. An seiner Sprechweise hörte man noch den Akzent aus Havanna, vielleicht weil er erst kurze Zeit mit dem Schweizerdeutsch Umgang hatte, das seinen Wörtern schließlich einen anderen Tonfall geben würde. Er sagte, dass er aus dem Stadtteil La Víbora komme und außerdem dringend einige spanische Zeitschriften im Stile von Hola brauche. María Mariotti, die Besitzerin des Ladens, trat auf ihn zu und erklärte, dass sie weder das eine noch das andere habe, es aber beim Verteiler bestellen könne. „Welche Titel möchten Sie?“, fragte die kleine Frau, halb peruanischer, halb japanischer Abstammung. „Alle die man kriegen kann. Sie sind für meine Mama. Sie lebt davon“, erklärte er und versuchte damit sein eindringliches Interesse für Liebesschnulzen zu erklären. Er erzählte, dass er, da er kein Geld nach Kuba senden könne, jeden Monat versuche, seiner Familie neue Publikationen zukommen zu lassen, damit sie sie gegen eine Gebühr an andere verleihen könnten. Das neu entstandene Geschäft bestand daraus, Zeitschriften wie Vanidades oder Gente für fünf Pesos Cubanos an eine breite Leserschaft zu verleihen, die den neuesten Ausgaben entgegenfieberte. Die Kunden konnten die gewünschten Texte eine Woche lang behalten und diese zirkulierten dann von Hand zu Hand, bis der Verschleiß dazu zwang, die Zeitschriften aus dem Umlauf zu nehmen. Einige Tage nach dieser eigenartigen Bitte, fuhr meine Freundin zur Buchmesse nach Barcelona (2003), wo María del Socorro Tellando Lopez geehrt wurde. Sie schaffte es, sich ihr zu nähern, und erzählte ihr von der Familie am anderen Ende des Atlantiks, die dank ihrer Schreibfeder jeden Monat über die Runden kommt. Die Autorin von Doloroso engaño (1990) war so beeindruckt von der Geschichte, dass sie ihr eine Auswahl von 50 Exemplaren ihrer Titel und einen handgeschrieben Brief an die Dame von La Víbora überreichte. Dieses Geschenk versetzte die schweizer Buchhändlerin und besonders natürlich den Sohn der alternativen Bibliothekarin vor Dankbarkeit in einen Freudentaumel. Er wusste genau, welchen Wert jene neuen Exemplare für die Kollektion seiner Mutter darstellten. Die Seiten würden einem heruntergekommenen Haus in Havanna zu mehr Seife, etwas Öl, ein wenig Brot, den Kinder zu Schuhen und Dutzenden von Nachbarn zu Träumen verhelfen.
Sie sind da, um uns zu beobachten und uns aufzunehmen. Dutzende, Hunderte von Kameras, verteilt auf die ganze Stadt, so als ob die Lastwagen voller Polizisten nicht schon genügen würden, die CDR* in jedem Viertel und die Sicherheitsbeamten mit ihren karierten Hemden. Sie sind mit einer Effizienz installiert, die man selten bei irgendeinem Projekt zum Wohl der Bevölkerung sieht. Die hoch entwickelten Geräte tauchen ebenso in einer Straße auf, wo die Hälfte der Häuser am Einstürzen ist, wie in den modernen Tourismusenklaven oder in der luxuriösen 5. Avenue. Sie erfassen jemanden, der mit Rindfleisch handelt, der Drogen verkauft oder eine Goldkette entreißt. Aber sie beobachten auch diejenigen, die keine Waffen unter dem Bett, sondern Meinungen in ihrem Kopf haben. Am Anfang, als diese “Fischaugen” überall installiert wurden, schufen sie unter den Habaneros ein Gefühl der Lähmung. Ich weiß noch, wie ich die blinden Flecken suchte, wo ihre Glaslinsen mich nicht erfassen konnten. Später wurde ich etwas lockerer und lernte, mit ihnen zu leben, allerdings verspürte ich immer noch diesen Kitzel im Nacken, den das Wissen, beobachtet zu werden, hervorruft. Unter den Spekulationen, die um diese Filmapparate kreisen, gibt es auch folgende: sie besäßen ein anthropometrisches Erkennungsprogramm für Gesichter, die schon in einer Datenbank gespeichert seien. Aber solche Bemerkungen könnten genauso gut zum Phantasiebereich gehören, der sich um alles Neue rankt.
Diese
Kameras
in der
Öffentlichkeit,
eine
Materialisation
der
orwellschen
Fernsehbildschirme,
haben
eine
neue
Kinowelt
ins
Leben
gerufen.
Obwohl
sie
grundsätzlich
automatisch
funktionieren,
haben
einige
Leute
ihren
Inhalt
in die
alternativen
Informationsnetzwerke
eingespeist.
Dutzende
von
Bildern
entspringen
den
Polizeiarchiven
und
zirkulieren
jetzt in
diesem
Moment
mit
Hilfe
der
USB-Sticks.
Videos,
in denen
man
sieht,
wie wir
gegen
das
Gesetz
verstoßen
und
überleben,
stehlen
und
rebellieren.
Minuten
von
polizeilicher
Gewaltanwendung,
von
Autounfällen
und
Prostitution
zwischen
sehr
jungen
Burschen
und
Touristen,
die
doppelt
so alt
sind.
Ein
kompletter
Querschnitt
von
beeindruckenden
Sensations-
und
Gewaltfilmen,
der seit
Wochen
von
einem
Bildschirm
zum
anderen
wandert,
von
Handys
zu DVD-
Spielern
überspringt.
Liebe
Leserinnen
und
Leser
der
deutschen
Seite
von
Yoanis
Blog,
vielleicht gibt es jemanden unter euch, der sich mit Word Press gut auskennt. Wir haben nämlich das Problem, dass manche Kommentare nicht sofort beim Hochladen erscheinen und dadurch erst mit Verzögerung reingesetzt werden können. Dieser Umstand führt dazu, dass so wenig kommentiert wird. Es wäre nett, wenn sich entsprechende Spezialisten unter: iris.wissmueller@gmx.de melden könnten. Bis dahin haben wir es ab jetzt so organisiert, dass ein Kommentar, der zu normalen Arbeitszeiten auftaucht, auch binnen kurzem hochgeladen wird. Wir tun unser bestes. Vielleicht kann diese Information doch den einen oder anderen der täglich über Tausend Leser dazu animieren, seine Meinung zu äußern. Wir würden uns freuen. Mit erwartungsvollen Grüßen Iris Wißmüller ![]() Nach einer Absage versucht es die Mehrheit der Leute, die eine Reiseerlaubnis beantragen, nicht noch einmal. Wenige, sehr wenige beharren weiterhin darauf, nachdem sie schon mehr als drei Mal den knappen Satz gehört haben: „Sie haben keine Reiseerlaubnis“. Nur eine Hand voll Dickköpfe, zu denen ich mich rechne, geht trotzdem wieder zum Einwanderungs- und Ausländeramt (DIE), um die so genannte weiße Karte zu verlangen, obwohl sie ihnen schon bei vier Gelegenheiten verweigert worden ist. Auch wenn es mit jedem neuen Antrag scheint, dass die Möglichkeit in noch weitere Ferne rückt, verspüre ich den Impuls, eines klar zu stellen: schuld an meinem Eingesperrtsein auf dieser Insel soll nicht sein, dass ich nicht alle legalen Wege ausgeschöpft hätte. Mit dieser Einstellung, das Unmögliche zu versuchen, habe ich mich einem weiteren Behördengang zum DIE im Stadtteil Plaza unterzogen, um in die Stadt Jequié-Bahía in Brasilien zu reisen. Im Juli findet dort ein Dokumentfilmfestival statt, bei dem ein junger Regisseur einen Kurzfilm über kubanische Blogger präsentieren wird. Wenn ich es versäume, dann deswegen, weil ich das sechste „Nein“ in kaum zwei Jahren als Antwort erhalten habe. Wie bei all den vorhergehenden Behördengängen ist das Einladungsschreiben rechtzeitig gekommen, mein Pass ist gültig und mein Strafregister ist immer noch sauber. Theoretisch erfülle ich alle nötigen Voraussetzungen, um die Staatsgrenze zu überschreiten. Ich gebe allerdings immer noch kritische Meinungsäußerungen von mir und das macht mich bereits zu einer besonderen Art von Delinquenten. Ich habe beschlossen, für diese Reise an so viele Türen wie möglich zu klopfen. Ich schickte sogar einen Brief an den brasilianischen Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva. Wer weiß, vielleicht hat die Regierung meines Landes, die kaum Forderungen ihrer eigenen Bürger zu hören bekommt, offene Ohren für die Worte eines ausländischen Würdenträgers. Meine Freunde deuten an, dass ich bereits ein Teil der „unbeweglichen Betriebsmittel“ geworden sei mit einer Blechnummer auf den Schulterblättern wie diese Möbel, die zum Inventar von staatlichen Behörden gehören. Angesichts solcher Scherze bleibt mir nur, zu schmunzeln und die Verzweiflung mit einem netten Wortspiel abzuschütteln: „ich werde (wegfahren), ja … ich werde mich daran gewöhnen da zu bleiben“*.
Die Zuckerfabrik liegt in Trümmern, die Hauptstraße ist ausgestorben und im Inneren der Häuser wohnt die Vergangenheit in den Erinnerungen. „Vom Modelldorf zum Geisterdorf“, murmeln die Leute, die noch in der Ortschaft Hershey leben, denn der frühere Glanz ist zum Rückzugsort der Nostalgie geworden. Dank des Talentes einiger junger Regisseure taucht das kleine Dorf heute wieder auf, porträtiert in einem kurzen Dokumentarfilm, der die Augen feucht werden lässt und den Schlund eng. Ein Spaziergang durch die Sehnsucht von Hunderten von Menschen, für die die Zukunft eindeutig nicht zu einer besseren Zeit wurde. Der eigentümliche Ort wurde nach einem modernen städtebaulichen Raster gebaut, eine prosperierende Zuckerindustrie, eine Schokoladenfabrik und eine elektrische Bahn, die quietschend und Funken sprühend immer noch herumfährt. All das in einem kleinen, aber funktionsgerechten Format, als ob man ein Dutzend Puppenhäuser mit Satteldach in Reihe auf dem Rasen aufgestellt hätte. Dank der Initiative von Milton Hershey, 1857 in einem Dorf in Pensilvania geboren, wurde der Bau dieser seltsamen Ansiedlung auf dem Hügel von Santa Cruz im Osten unserer Hauptstadt begonnen. Der Wohlstand von gestern und die Trägheit von heute sind die Akkorde zwischen denen sich der Kurzfilm von Laimir Fano bewegt. Er wurde im Chaplinkino bei einer Veranstaltung gezeigt, an der mehrere Blogger nicht teilnehmen durften. Glücklicherweise zirkulieren seine bewegenden 15 Minuten bereits in den alternativen Informationsverteilernetzwerken. Für sie muss man nicht die Anforderungen von bestimmten kulturellen Einrichtungen erfüllen, um das „Recht auf Zulassung“ zu erhalten. Eine wunderbare Auswahl von Bildern in Verbindung mit einer mutigen Arbeit, was Ton und Musik betrifft, bringt es fertig, uns in dieses Dörfchen zu versetzen, das in Melancholie versinkt. Die Schokolade agiert als Auslöser für die Gefühle der Protagonisten, während wir Zuschauer vor dem Bildschirm ihr Aroma, die Textur der Erinnerung, in Pralinenpapier eingewickelt, spüren können.
![]()
Auf
Schritt
und
Tritt
höre ich,
wie
Leute
sich
über die
Hitze
beklagen,
deren
klebrige
Präsenz
sich in
Verbindung
mit der
Trockenheit
noch
schwerer
ertragen
lässt.
Wir
wissen
alle,
was im
Inneren
eines
Dampfkessels
passiert,
wenn man
die
Temperatur
erhöht.
So
lassen
sich
wohl für
diesen
Sommer
Probleme
und
Spannungen
voraussagen.
Der Juni
hat in
der
Erwartung
auf
Veränderungen
begonnen,
die mit
einer
ermüdenden
Langsamkeit
ablaufen,
mit
einer
Trägheit,
die die
Situation
noch
verschlimmert.
Seit den
ersten
Tagen
dieses
Monats
haben
einige
Friseure
die
Erlaubnis,
ihren
Arbeitsplatz
selbstständig
zu
nutzen.
Sie sind
keine
Angestellten
des
Staates
mehr,
müssen
ihm aber
festgesetzte
und
ziemlich
hohe
Steuern
zahlen.
Einerseits
gewinnen
die
neuen
Selbstständigen
an
Autonomie,
aber
andererseits
hat sich
der
Preis
für
einen
Haarschnitt
fast
verdoppelt,
weil sie
jetzt
für die
Ladenmiete
selbst
aufkommen
müssen,
ans
Finanzamt
Abgaben
zahlen
müssen
und
versuchen
müssen,
für sich
irgendeinen
Gewinn
zu
erzielen.
![]() Mit der
Blogosphäre
passiert
das
gleiche
wie mit
anderen
Phänomenen
unserer
Realität:
man
versucht
uns zu
trennen
und
auseinander
zu
treiben,
dadurch
dass man
uns dort
„regierungsnah“,
hier „Söldner“
als
Beinamen
anzuhängen
versucht,
ohne
sich
darüber
klar zu
sein,
dass
sich
damit
der
gemeinsame
Nenner,
der uns
alle
eint,
nicht
aus der
Welt
schaffen
lässt:
die
Lust,
sich
mitzuteilen.
Ich
träume
von dem
Moment,
in dem
Elaine
Díaz in
der
Bloggerakademie
Unterricht
geben
kann,
ohne
deshalb
ihren
Job zu
verlieren.
Ich
träume
davon,
dass
Claudia
Cadelo
ein
Seminar
über
Können
Sie sich
vorstellen,
dass
Esteban
Morales,
der
Akademiker,
der vor
einigen
Wochen
einen
Artikel
gegen
die
Korruption
schrieb,
mit
Oscar
Espinosa
Chepe
darüber
diskutiert,
wie man
eine
Lösung
für die
katastrophale
wirtschaftliche
Lage
Kubas
finden
könnte?
Stellen
Sie sich
einen
Augenblick
vor, wie
Alfredo
Guevara
selbst,
der eine
Konferenz
vor
Universitätsstudenten
hielt,
auf
einem
Diskussionspodium
neben
Rafael
Rojas
oder
Emilio
Ichikawa
sitzt.
Ich gehe
noch
weiter
und
setze
Ricardo
Alarcón
wieder
dem
jungen
Eliécer
Ávila
gegenüber,
um zu
hören,
welche
Fort-
oder
Rückschritte
die
Nation
seit
jenem Sie werden mich für eine Träumerin halten, aber ich fühle, dass dieses Stück Land, das wir bewohnen, so viele Aufteilungen nicht verträgt. Raster, Zäune, Parzellen und Fraktionen haben schließlich Raum und Zeit, die uns allen gehören, bestimmt und markiert. Ich weiß nicht, was die anderen erwarten, aber wenigsten Yoani Sánchez hält den Kaffee warm und den Tisch gedeckt, um dieses Gespräch einzuleiten, das irgendwo anfangen muss.
![]() Foto: Heute – morgen – übermorgen. Plakat, mit dem Studenten besseres Essen forderten.
Vor
einigen
Jahren
kannte
ich eine
junge
Frau,
die kurz
vor
ihrer
ersten
Reise
ins
Ausland
stand.
Sie
hatte so
viele
Bedenken
über
das, was
sie dort
erwarten
würde,
dass sie
uns, die
wir
schon
„den
Teich
überquert
hatten“,
sogar
über die
kleinsten
Details
befragte.
Sie
wollte
wissen,
ob sie
für den
Sommer
in
Europa
einen
Mantel
oder
Kleidung
mit
kurzen
Ärmeln
mitnehmen
sollte
und ob
sie sich
mit
ihren
geringen
Englischkenntnissen
würde
verständigen
können.
Sie
suchte
Informationen
zu Namen,
Orten
und
sogar zu
Geschmacksrichtungen,
da einer
ihrer
Hauptängste
um die
Frage
kreiste,
wie ihr
das
Essen
jener
Küchen
schmecken
würde.
Sie
fürchtete
besonders,
dass auf
den
Tellern
der Reis
mit
Bohnen
nicht zu
finden
wäre,
den sie
gewöhnlich
jeden
![]() Tausende
Habaneros
reisen
mit
Autostopp
oder,
was
dasselbe
ist,
indem
sie an
der
Ampel
einen
Autofahrer
bitten,
sie
mitzunehmen.
Die
Mehrzahl
dieser
Alternativreisenden
sind
junge
Frauen.
Es ist
nämlich
einfacher,
mitgenommen
zu
werden,
wenn man
einen
Rock
trägt –
je
kürzer,
desto
besser –
als wenn
man ein
Mann
oder
eine
alte
Frau ist.
An den
Straßenkreuzungen
sieht
man, wie
sie sich
zu den
Autofenstern
hinunterbeugen,
um das
Ziel des
Fahrers
zu
erfragen
und ihn
zu
bitten,
sie ein
Stück
mitzunehmen.
Oft
lügen
die
Fahrer,
weil sie
nicht
wollen,
dass
Fremde
in ihrem
Wagen
mitfahren
und
behaupten,
dass sie
in
Hundert
Metern
schon am
Ziel
seien
oder
dass sie
umkehren
werden.
----- e 15 2010 Wenn die Erde bebtEscrito por: Yoani Sánchez en Allgemein
![]()
Eine Insel, die schon
eine Menge von Tragödien,
Invasionen und
Diktatoren erleben
musste, zeigt heute die
Überreste des Desasters,
die Spuren eines Bebens,
das trotz seines
natürlichen Ursprungs
genauso abscheulich ist.
Das Unglück ist für
Haiti, das uns
Carpentier in seinem
Buch „Das Königreich
dieser Welt“ vor Augen
führte, und das durch
die neuesten Nachrichten
unser aller Mitleid
erregte, zu etwas
Chronischem geworden und
Wehklagen wurde dort zu
normalem Sprachgebrauch.
Zusätzlich zu dem
Erdbeben wird die Heimat
von Jacques Roumain noch
durch das Ungemach ins
Wanken gebracht, dass es
über ein Land herfällt
mit sozialer
Instabilität,
Wirtschaftskrise und
Verzweiflung. Für jede
Nation würde so etwas
ein großes Unglück
bedeuten, für Haiti ist
es die totale Apokalypse.
![]() Foto: Effizienz und Produktivität Ich verlasse das Haus, eingepackt in mehrere Pullover und mit einem uralten Schal um den Hals. Die Strecke ist kurz, aber mit der so tiefen Temperatur wird jeder Schritt, den ich mache, zu einer großen Anstrengung. Die Leute neben mir laufen genauso „verkleidet“ herum und ich sehe sogar jemanden, der sich anscheinend eine Bettdecke um die Schultern gelegt hat. Obgleich auf dem kurzen Weg von Zuhause bis zur Bäckerei niemand einen guten Wintermantel vorweisen kann, stelle ich fest, dass der unserem Volk eigene Erfindungsgeist auch nicht vor dem Absinken des Thermometers halt macht. Sie haben die alten Regenmäntel aus der Sowjetzeit entstaubt mit ihren riesigen Knöpfen und den jetzt ausgebleichten Farben. Andere, die nicht einmal so etwas zum Anziehen haben, sind einfach zu Hause geblieben. Ich nähere mich einem Ort, an dem Brot außerhalb des rationierten Marktes verkauft wird; eine Stange kostet den Arbeitslohn eines ganzen Tages. Seltsamerweise gehen viele, die ich in ihrer eigenartigen und improvisierten Kleidung auf dem Weg gesehen habe, in dieselbe Richtung wie ich. Während wir näher kommen, stelle ich fest, dass alle hinter dem knappen Lebensmittel her sind, das uns seit Wochen in Atem hält. Wenige Meter von dem Ort entfernt ruft einer, der vorausgeeilt war, uns zu, „Es gibt keines!“, was wie ein Eimer eiskalten Wassers auf unsere Köpfe wirkt. Ich drehe mich um und gehe nach Hause. Morgen wird ein weiterer Tag ohne Frühstück sein. Die Ankunft dieser Winde aus dem Norden ist nicht nur mit dem Verschwinden des Brotes zusammengefallen, sondern auch mit dem Ausbleiben der Milch. Als ob der Winter die Öfen in Mitleidenschaft gezogen und die Euter der Kühe eingefroren hätte. Obwohl im Fernsehen eine Extraproduktion der geschätzten Flüssigkeit angekündigt wurde, beweisen jeden Morgen der Becher schwarzen Kaffees und der fade Tee das Gegenteil. Das sind Zeiten, in denen wir mit einem Ruck aufstehen, ohne den Frühstückstisch eines Blickes zu würdigen, in denen wir zu den Kindern sagen, sie sollen keine Fragen stellen, in denen wir die Arbeit, den Blog, die Freunde, das Leben links liegen lassen, um uns völlig darauf zu konzentrieren, ein Stück Brot und ein Glas Milch aufzutreiben. Zeiten, in denen wir uns durch die Mühsal von Mangel und Schlangestehen schleppen, da man, um dieser Negativperiode zu entkommen und wieder zu fliegen, weniger Flügel, als vielmehr den Treibstoff von Nahrungsmitteln braucht. ![]() Im Jahr, in dem ich geboren wurde, beging man feierlich den ersten Kongress der Kommunistischen Partei Kubas und der Handel und die Dienstleistungen waren fast vollkommen zentralisiert. Man konnte außerhalb des rationierten Marktes nur einige Bücher, Zeitungen und Kinokarten kaufen. Der Rest der Produkte und Leistungen stand unter dem strengen Zeichen der Beschränkung, eingeschlossen in die subventionierte Quote, die wir jeden Monat bekamen. Sogar wenn man ein Rasiermesser kaufen wollte, musste man das Kärtchen vorweisen, in dem eine Verkäuferin die den Rasierklingen entsprechende Nummer ankreuzte. Mit dem Essen passierte etwas Ähnliches, besonders mit den Früchten unserer fruchtbaren Felder, die auf jeden Verbraucher in begrenzten Mengen verteilt wurden. Die Kartoffel war eine derjenigen Feldfrüchte, die vom Staatsauge am meisten kontrolliert wurden. Mein ganzes Leben lang befand sich diese wohlschmeckende Knolle ausschließlich auf den Theken der rationierten Märkte; sie kam alle drei oder vier Monate, um uns die Ehre ihrer Anwesenheit und ihres Geschmacks zu erweisen. Ich träumte von Püree mit reichlich Butter, und von Pommes Frites, die über den Tellerrand hingen. Ich kam allmählich zu der Ansicht, dass ihre weiche Textur auf weit entferntem sibirischen Grünland und nicht auf den Furchen meines eigenen Landes geerntet wurde. Die Privatbauern waren verpflichtet, ihre Kartoffelproduktion an den Staat zu verkaufen, der Leute, die diese strikte Regel verletzten, streng bestrafte. So gewöhnten wir uns daran, sie nur selten im Jahr auf unseren Tellern vorzufinden und sie in unseren kulinarischen Fantasien zu bewahren. So war die Situation, bis vor einigen Wochen die Regierung von Raúl Castro beschloss, ihren Verkauf freizugeben und sie aus dem immer leerer werdenden rationierten Markt zu nehmen. Jetzt ist es nicht mehr nötig, ein Dokument vorzuzeigen, um ein Kilo Kartoffeln kaufen zu können, aber jetzt müssen wir warten, bis sie auf den Märkten wieder auftauchen, damit wir sie in unsere Einkauftaschen legen und nach Hause tragen können. ![]() Vor Jahren las ich eine Studie der Internationalen Arbeiterorganisation, in der der Beruf des Journalisten als die zweit riskanteste Beschäftigung auf der Welt galt, nur noch von Testpiloten übertroffen. Ich weiß nicht, ob bei der Untersuchung auch Krokodiljäger oder Leibwächter eingeschlossen waren, aber die Studie wurde in den Neunzigerjahren durchgeführt, als es noch keine Blogger gab. In Kuba Journalist zu sein, bedeutet nicht das gleiche Risiko, das Reporter in anderen Ländern eingehen müssen. Hier werden die Nachrichtenredakteure nicht erschossen, noch werden sie entführt, sondern man macht ihnen eher ihren Beruf zur Qual. Wozu ein Individuum, das unbequeme Wahrheiten schreibt, körperlich ausschalten, wenn man das mit dem Rotstift des Zensors besorgen kann? Wozu ihn töten, wenn man alle Mittel zur Verfügung hat, ihn zu zähmen? Der Tod während der Berufsausübung taucht bei uns nicht in den Statistiken auf, außer in der Frustration von Leuten wie mir, die eines Tages planten, ihr Schicksal mit der Information zu verknüpfen. Wer auf dieser Insel beschließt, sich den Nachrichten zu widmen, weiß, dass alle Medien in den Händen der Macht sind, ob sie nun der Staat selbst oder die einzige Partei oder Máximo Líder genannt wird. Er weiß, dass er das, was angebracht und nötig ist, sagen muss, und dass es nicht genügen wird, zu applaudieren, wenn man es nicht mit Hingabe und großem Enthusiasmus tut. In diesem Fall ist das Risiko für das Gewissen enorm. Seit mehr als 20 Jahren gibt es auf unserer Insel einen neuen Typ von Reportern. Das Adjektiv „unabhängig“ unterscheidet ihn von den offiziellen. Diese stellen sich anderen Risiken, genießen andere Möglichkeiten. Wie man annehmen kann, durchliefen viele kein Universitätsstudium, aber lernten, das zu erzählen, was die Parteipresse verheimlichte, sie wurden zu Spezialisten der Anprangerung, sie kultivierten sich auf der verborgenen Seite der Geschichte. Im Frühling 2003 verwandelte sich alles, was bis jetzt als Gefahr und Risiko erschien, in Bestrafung. Viele von ihnen wanderten ins Gefängnis, um eine Strafe von zehn, fünfzehn und zwanzig Jahren abzusitzen. Die Mehrheit befindet sich immer noch hinter Gittern. Wir Blogger kamen später, unter anderem weil die Technologie bei uns erst langsam Zugang fand. Ich wage zu behaupten, dass die Staatsautoritäten sich nicht vorstellen konnten, dass die Bürger zu erdumspannenden Mitteln greifen würden, um sich frei zu äußern. Die Regierung kontrolliert die Studiokameras des Fernsehen, die Mikrofone der Radiosender, die Seiten der Zeitschriften und Zeitungen, die sich auf dem Gebiet der Insel befinden, aber dort oben, außerhalb ihrer Reichweite, bietet ein Netz von Satelliten, verteufelt, aber unumgänglich, jedem, der es will, die Möglichkeit, seine Meinungsäußerungen praktisch unbegrenzt „einzustellen“. Sie brauchten einige Zeit, um es zu verstehen, aber sie sind dabei, sich darüber klar zu werden. Sie wissen schon, dass man, um einen Blogger zum Schweigen zu bringen, nicht dieselben Methoden anwenden kann, mit denen es gelang, so viele Journalisten verstummen zu lassen. Diese unverschämten Leute aus dem Web kann niemand aus der Redaktion einer Tageszeitung entlassen, oder ihnen eine Woche in Varadero oder einen Lada zum Ausgleich versprechen, noch weniger könnten sie sich mit einer Reise nach Osteuropa gewinnen lassen. Will man einen Blogger ausschalten, so muss man ihn beseitigen oder ihm Angst einjagen und diese Gleichung haben der Staat, die Partei … der General allmählich verstanden. ![]() Das Foto wurde während des „Streiks“ der Studenten des ISA aufgenommen: Mami, was ist Fleisch? – Ein Traum. Ein sinnlicher, extrovertierter Rhythmus überflutet seit mehr als fünf Jahren alle Diskotheken und Orte im Land, an denen getanzt wird. Er kam in Begleitung einer lässigen Gestik, die offen ihre Lust auf Vergnügen, Sex und gutem Leben zum Ausdruck bringt. Zahlreiche Salsa-Orchester passten ihre Musik an und begannen, neue Songtexte zum Takt des Reggaetón zu schreiben. Die Lieder spielen offen auf erotische Situationen an und beschreiben zugleich ungeschminkt und ohne Schönfärberei einen Bereich der kubanischen Realität. Im Ostteil des Landes verbreitete sich, ausgehend von diesem Musikrhythmus ein härterer und direkterer Stil, der unter seinen Anhängern als Perreo bekannt ist. Auf der ganzen Insel lässt sich kaum ein Fahrradtaxi oder ein Oldtimer-Taxi finden, das nicht auf höchster Lautstärke den einprägsamen Ausdruck einer Musikgattung darbietet, die keinerlei Anzeichen macht zu verschwinden. Einer der interessantesten Aspekte der Langlebigkeit des Reggaetón bei uns ist, wie wenig er der Musik mit sozialem Inhalt gleicht, die man so oft in den Sechziger und Siebziger Jahren hörte. Während das neue Lied von damals ständig auf ein selbstloses Wesen anspielte, das eifrig am sozialen Prozess mitwirken wollte, so zeigen die aktuellen Melodien ein Individuum, das vom Materiellen angezogen wird und darauf konzentriert ist, seine unmittelbaren Sehnsüchte zu befriedigen. Das musikalische Schaffen offenbart schließlich einen Prozess des sozialen Wandels, der viel komplexer ist, als ein paar Akkorde oder irgendwelche neuartigen Tanzschritte. Wenn auf der Bühne eine Gruppe von Jungs “Mami, genieß es!“ bis zum Umfallen wiederholt, dann wackelt das Publikum mit den Hüften und schwitzt unter den bunten Lichtern. Es fehlt nicht an Leuten, die öffentlich die Verbreitung dieser neuen Rhythmen kritisiert haben, indem sie sie mit Strömungen aus dem Ausland und Konsumtendenzen in Verbindung brachten. Das beeindruckt die Anhänger des Reggaetón nicht, da für sie ein volltönender Refrain, der zum Genuss aufruft, der neue Hymnus dieser Tage ist, ob es uns nun gefällt oder nicht. |
Oct 08 2009
Ich hatte ein Halstuch, na und?
Escrito por: Yoani Sánchez en Allgemein

Foto: In der Grundschule mit meinem Halstuch
In allen Schulen des Landes feiert man heute eine Zeremonie, mit der die Kinder der ersten Klasse in die Organisation der Pioniere eintreten. Der Morgenappell dauert länger als sonst, die Eltern begleiten ihre Kinder, während sie ihnen die Halstücher umbinden und sie zum ersten Mal die Parole „Pioniere für den Kommunismus, wir werden wie Che sein“ rufen. Auch ich machte dies bei zwei Gelegenheiten mit, einmal als ich an der Reihe war, mich in die Liste der OPJM* einzutragen und das andere Mal an jenem Tag, an dem ich dabei war, als Teo initiiert wurde. An die beiden Male habe ich so unterschiedliche Erinnerungen, dass sie in völlig entgegengesetzten Dimensionen stattgefunden zu haben scheinen.
In meinem Fall waren es die Jahre des ideologischen Feuers und ich, kaum 93 Zentimeter groß, war entschlossen, mein Leben für das Halstuch hinzugeben, das man mir gerade umgelegt hatte. Ich fühlte mich von der Hand des Vaterlandes berührt, obwohl ich in Wirklichkeit nur in die Reihen einer Ideologie aufgenommen wurde. Das Motto der Organisation, in die ich gerade eingetreten war, schien mir das heilige Losungswort, das alle Türen öffnen würde, obwohl ich damals nicht einmal wusste, dass die Nachsilbe „-ismus“ Substantive bildet, die „Lehre, Sekte, System“ bedeuten. Am schlimmsten hätte ich es gefunden, wenn ich ausgeschlossen worden wäre, wie Lybna, die das „Gelübde“ mit dem Rest der Kinder im Klassenzimmer nicht mitmachen durfte, weil sie eine Zeugin Jehovas war. Auf ihr lag ein Schatten, der noch dunkler wurde, gerade weil sie jenes blaue Tuch nicht um den Hals gebunden trug.
Es vergingen zwanzig Jahre und ich begleitete meinen Sohn an einem Oktobermorgen, um zu sehen, wie er in diese Pionierbewegung eintrat, an die ich schon nicht mehr glaubte. Die Lehrerin schritt die Reihe ab und bat die Kinder, die Parole über Che Guevara zu wiederholen. Teo blieb still und verzog das Gesicht, was den flinken Augen der Direktorin nicht entging. Als man ihn fragte, warum er die Parole nicht gesagt hatte wie der Rest der Schüler, erklärte er in seiner kindlichen Einfalt: „Weil Che tot ist und ich nicht tot sein will“. Ich nahm an, mein Sohn sei gerade im ideologischen Katalog mit dem Schlimmsten der Buchstaben, dem „K“ für Konterrevolutionär versehen worden. Aber nein, die Lehrerin lachte und gab ihm seine erste Lektion in Opportunismus: „Ach, Teo, wiederhol die Parole und fertig, wozu willst du dir Probleme machen?“
*OPJM: Organisation der Pioniere José Martí
Übersetzung: Iris Wißmüller / iris.wissmueller@gmx.de































