Monsieur le
Président, lieber Nicolas,
meine Damen und Herren,
für die Einladung, heute Gast der Feiern des
Armistice-Tages zu sein, danke ich Ihnen aus
ganzem Herzen. Ich danke Dir, lieber
Nicolas, und ich danke den Menschen in
Frankreich. Seien Sie versichert, ich weiß
als deutsche Bundeskanzlerin diese Geste
sehr zu schätzen.
Wir stehen hier heute gemeinsam im Gedenken
an das Ende eines furchtbaren Krieges, der
unermessliches Leid mit sich brachte. Ich
verneige mich vor allen Opfern. Wir stehen
hier gemeinsam im Bewusstsein unserer
Geschichte, die uns – Deutsche und Franzosen –
seit Jahrhunderten verbindet, in guten wie
in schlimmen Zeiten.
Wir werden nie vergessen, wie sehr in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Franzosen
durch Deutsche zu leiden hatten. Der
schonungslose Umgang mit der eigenen
Geschichte ist – davon bin ich überzeugt –
die einzige Grundlage, um aus der Geschichte
zu lernen und die Zukunft gestalten zu
können. Zugleich weiß ich: Geschehenes kann
nicht ungeschehen gemacht werden.
Wohl aber gibt es eine Kraft, die uns helfen
kann, das Geschehene zu ertragen: Es ist die
Kraft der Versöhnung. Aus ihr kann Vertrauen
entstehen, ja sogar Freundschaft. Die Kraft
der Versöhnung befähigt uns, neue
Herausforderungen gemeinsam anzugehen und
Verantwortung gemeinsam wahrzunehmen.
Deutschland weiß um die Kraft der Versöhnung.
Denn wir Deutsche durften sie nach den
Abgründen der beiden Kriege des vergangenen
Jahrhunderts erfahren. Frankreich hat
Deutschland die Hand zur Versöhnung gereicht.
Deutschland wird das nie vergessen.
Deutschland hat diese Hand dankbar
angenommen.
Die Versöhnung konnte ihre Kraft entfalten –
dank der Größe und der Weitsicht von
Staatsmännern wie Briand, Stresemann und de
Gaulle, von Adenauer, Monnet und Robert
Schuman. Die Versöhnung konnte ihre Kraft
entfalten, weil die Menschen in unseren
beiden Ländern die feste Überzeugung
gewonnen haben: Deutsche und Franzosen
dürfen nie wieder künstliche Feindbilder
aufbauen. Deutsche und Franzosen dürfen sich
nie wieder Leid zufügen. Denn ein
Gegeneinander kennt nur Verlierer. Das
Miteinander aber kennt nur Gewinner.
Aus der Kraft der Versöhnung wurde
Freundschaft. Welch ein wunderbares Geschenk.
Aus dem Geschenk der Freundschaft wurde der
Wille zur gemeinsamen Verantwortung – einer
Verantwortung, die weit mehr umfasst als das
Schicksal unserer beiden Länder. Die
deutsch-französische Freundschaft findet ihr
Ziel in Europa. Wir Europäer – wir sind
heute zu unserem Glück vereint.
Genau das symbolisiert für mich auch der
heutige Tag. Wir stehen hier in der
Überzeugung, dass unsere beiden Länder, dass
Frankreich und Deutschland im Bewusstsein
der Geschichte die gemeinsame Berufung haben,
Frieden und Freiheit auf unserem Kontinent
zu bewahren.
Vor zwei Tagen haben wir den 20. Jahrestag
des Falls der Berliner Mauer gefeiert. Es
hat mich auch ganz persönlich sehr berührt,
dass so viele Franzosen diesen Tag mit uns
gefeiert haben – nicht nur in Berlin,
sondern auch hier in Paris, auf dem Place de
la Concorde. So, wie für uns heute der
11. November ein Tag des Friedens in Europa
geworden ist, so ist der Tag des Mauerfalls
für alle ein Tag der Freiheit.
Beide Gedenktage – der des Endes des Ersten
Weltkrieges und der des Falls der Berliner
Mauer – mahnen uns. Sie mahnen uns, stets
für die unschätzbaren Güter Frieden und
Freiheit einzutreten. Sie mahnen uns, unsere
Werte zu verteidigen – Demokratie und
Menschenrechte, europäische Solidarität und
transatlantische Partnerschaft. Das ist
unser Auftrag.
Deutschland und Frankreich nehmen diesen
Auftrag an – und wir tun das gemeinsam.
Gemeinsam haben wir in und für Europa viel
geschafft. Heute trennen uns keine Grenzen
mehr. Wir zahlen in derselben Währung.
Unsere Soldaten setzen ihr Leben gemeinsam,
Seite an Seite, für unsere Sicherheit ein.
Wir wissen, gemeinsam haben wir alle Chancen,
die heutigen und zukünftigen
Herausforderungen zu bewältigen: die
weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, die
eine neue Balance zwischen wirtschaftlicher
Entfaltungsfreiheit und sozialer Ordnung bei
fairer Einbindung aller Regionen der Welt
erfordert; den Klimaschutz, der einen fairen
Umgang mit den begrenzten Ressourcen der
Erde und eine Bekämpfung der Armut verlangt;
die neuen asymmetrischen Bedrohungen – mehr
denn je sind wir auf eine enge
Zusammenarbeit angewiesen, um ihnen begegnen
zu können.
Deutschland und Frankreich wissen um den
Wert ihrer engen Zusammenarbeit. Aufbauend
auf unserer Freundschaft vertiefen wir
unsere Partnerschaften in Europa und im
Atlantischen Bündnis. Aufbauend auf unserer
Freundschaft und unserem gemeinsamen
Fundament freiheitlicher und demokratischer
Werte bauen wir unsere Zusammenarbeit mit
anderen Ländern und Regionen aus.
Doch die Beziehungen zwischen unseren beiden
Ländern – sie bleiben etwas Besonderes,
etwas Einzigartiges. Uns einen ebenso viele
wie feste Bande. Damit meine ich nicht nur
die politische Zusammenarbeit. Damit meine
ich auch die täglich gelebte und erlebte
Freundschaft und den mannigfaltigen
Austausch zwischen Deutschen und Franzosen.
Herr Präsident, meine Damen und Herren, die
Zeremonie, die wir eben erlebt haben, hat
mich tief bewegt. Deutsche und französische
Soldaten – vereint im ehrenden Gedenken an
die Gefallenen. Deutsche und Franzosen –
einst erbitterte Gegner, heute verbunden als
Nachbarn in einer Weise, die auch anderswo
auf der Welt die Hoffnung und die Zuversicht
nährt, dass auch dort tiefe Gräben
überbrückt und überwunden werden können.
Es ist eine Gnade der Geschichte, dass wir
heute, da wir am Grab des unbekannten
Soldaten stehen, sagen können: Die
deutsch-französische Aussöhnung und
Freundschaft – sie sind ein Geschenk. Die
Freiheit unseres Kontinents Europa – sie ist
ein Wunder. Wir wissen nur zu gut, wie
kostbar beides ist. Wir verpflichten uns,
beides zu bewahren und zu schützen.
Vive la France, vive l’Allemagne, vive
l‘amitié franco-allemande!
