(Hinweis: Die Ausschrift des fremdsprachlichen
Teils erfolgte anhand der Simultanübersetzung.)
BK'IN DR. MERKEL: Meine Damen und Herren, ich freue mich, dass ich Ihnen bei
uns heute den ersten offiziellen Besuch des Präsidenten von
Bosnien-Herzegowina, Herrn Komšić, bekanntgeben
darf. Wir haben uns mit der aktuellen Entwicklung in Bosnien-Herzegowina und
natürlich auch mit den bilateralen Beziehungen befasst.
Was die bilateralen Beziehungen anbelangt, so sind wir, glaube ich, auf
einem sehr guten Weg. Es gibt traditionell sehr gute, sehr freundschaftliche
Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern. Was die wirtschaftlichen
Beziehungen anbelangt, so können diese sicherlich ausgeweitet werden, aber
auch das ist auf einem guten Weg. Auch die entwicklungspolitische
Zusammenarbeit, gerade auch im Bereich der regenerativen Energien, ist sehr
gut.
Wir haben darüber gesprochen, dass Deutschland hilfreich sein möchte. Das
sind wir auch durch unsere Beteiligung an der Mission ALTHEA. Wir sind der
Überzeugung, dass Bosnien-Herzegowina eine europäische Perspektive hat und
dass die bestehenden Konflikte auch nur mit Hilfe dieser Perspektive
überwunden werden können. Wir unterstützen auch den Weg Bosnien-Herzegowinas
in Richtung einer NATO-Mitgliedschaft.
Wir haben natürlich sehr viel über den notwendigen inneren Reformprozess
gesprochen; denn die Existenz des Postens des Hohen Repräsentanten für
Bosnien und Herzegowina, der durch Herrn Inzko wahrgenommen wird, ist ja
eine Übergangslösung. Wir müssen zu stabilen Verhältnissen in
Bosnien-Herzegowina kommen. Ich habe mich sehr gefreut, dass wir uns darüber
einig waren, dass Bosnien-Herzegowina auch eine politische Zukunft im
Zusammenleben der verschiedenen ethnischen Gruppen finden muss und dass es
dazu keine Alternative gibt.
Dreh- und Angelpunkt ist aber immer wieder, dass wir den innenpolitischen
Reformprozess voranbringen. Wir haben uns über die Lage verständigt. In
diesem Jahr werden Wahlen stattfinden. Diese müssen sicherlich erst einmal
absolviert werden, aber dann gibt es schon ein großes Drängen ‑ auch der
Europäischen Union ‑ zu politischen Fortschritten; denn von solchen
Fortschritten hängt auch die Lebensperspektive der Menschen in
Bosnien-Herzegowina ganz wesentlich ab.
Deshalb, glaube ich, wird Deutschland weiter ein Partner sein. Wir stehen
mit Rat und Tat zur Seite, wann immer Sie das wünschen. Die Hohe Beauftragte
der Europäischen Union für Außenpolitik, Frau Ashton, wird eine ihrer
Hauptaufgaben mit Sicherheit gerade auch in der Frage sehen: Wie
stabilisieren wir die Verhältnisse auf dem westlichen Balkan und kommen dort
voran? Denn das ist ja in unser aller Interesse.
Noch einmal herzlich willkommen! ‑ Sie haben das Wort.
P KOMŠIĆ: Zunächst einmal möchte ich natürlich gerne Frau
Bundeskanzlerin Merkel für diese Gelegenheit zusammenzukommen danken. Ich
wiederhole es gerne: Dies ist das erste Treffen nach einer längeren Zeit; es
sind inzwischen 9 Jahre oder sogar fast 10 Jahre vergangen, seitdem es
zuletzt ein solches Gipfeltreffen zwischen der Bundesrepublik Deutschland
und Bosnien und Herzegowina gegeben hat.
Ich möchte nicht das wiederholen, was Bundeskanzlerin
Merkel schon gesagt hat, möchte aber sagen, dass wir über alle Themen
gesprochen haben, die für Bosnien und Herzegowina von Bedeutung sind: die
Situation in Bosnien und Herzegowina selbst, die Möglichkeiten, die
Verfassung zu ändern, die Zukunft des Büros des Hohen Repräsentanten, die
Beziehungen in der Region, die gegenseitigen Beziehungen innerhalb des
Staates Bosnien und Herzegowina, unser Weg zur NATO und zur Europäischen
Union, die Visa-Liberalisierung usw.
Ich möchte nicht nur in meinem eigenen Namen, sondern im
Namen der Präsidentschaft von Bosnien und Herzegowina ‑ das kann ich
sicherlich sagen ‑ meine Genugtuung darüber zum Ausdruck bringen, dass es zu
diesem Treffen gekommen ist. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen für
Bosnien und Herzegowina, vor allen Dingen angesichts der Tatsache, dass die
Bundesrepublik Deutschland eines der Gründerländer der Europäischen Union
ist, und angesichts der Tatsache, dass Deutschland ein Beispiel für all das
ist, was heute das moderne Europa ausmacht und wonach wir in Bosnien und
Herzegowina streben.
Es gibt natürlich die Möglichkeit, nicht nur einen solchen politischen
Austausch und eine politische Zusammenarbeit durchzuführen, sondern Bosnien
und Herzegowina ist sehr daran interessiert, diese wirtschaftliche
Zusammenarbeit ‑ obwohl wir eine solche auch haben ‑ weiter voranzubringen.
Auch in diesem Sinne hat Bosnien und Herzegowina einiges an interessanten
Projekten zu bieten. Das hatten wir bei diesem Treffen auch erwähnt. Es geht
um einige Projekte im Energiebereich. Dabei verfügen wir über ein
interessantes Potenzial.
Um jetzt nicht das zu wiederholen, was hier bereits gesagt worden ist: Ich
bin sehr zufrieden, dass es zu dieser Begegnung gekommen ist. Ich hoffe
darauf, dass dieses Treffen der erste Schritte einer ganzen Kette weiterer
Begegnungen zwischen unseren Ländern sein wird. Die Unterstützung
Deutschlands unserem Land gegenüber auf dem Weg zu der euroatlantischen
Integration ist sicherlich von großer Bedeutung und kann eine
Schlüsselfunktion für uns spielen.
FRAGE: Kann man künftig von Deutschland mehr Unterstützung auf dem Weg zur
europäischen Integration erwarten und dabei, was die Visa-Liberalisierung
für unsere Bürger angeht?
BK'IN DR. MERKEL: Man kann immer von uns Unterstützung erwarten, wenn sie
gewünscht wird. Wir werden dabei natürlich nicht mit ungebetenen Ratschlägen
an jemanden herantreten. Klar ist: Solange der Hohe Beauftragte gebraucht
wird und solange es keine Veränderung der Verfassung gibt, die auch eine
wirkliche politische Handlungsfähigkeit Bosnien-Herzegowinas darstellt, so
lange gibt es hinsichtlich der europäischen Perspektive natürlich auch noch
eine lange Wegstrecke, und so lange steht sie nicht unmittelbar bevor.
Deshalb kann ich nur daran appellieren, dass in Bosnien-Herzegowina auf
allen Seiten der politische Wille herrscht, diese Probleme zu lösen. Wenn
man uns auf dem Weg zu der Lösung dieser Probleme um Hilfe bittet ‑ es hat
auch sehr komplizierte Abschnitte unserer Geschichte gegeben, von denen wir
gerne berichten können ‑, dann werden wir das gerne tun.
Was die Visa-Liberalisierung anbelangt, so sind die europäischen Standards
eigentlich sehr eindeutig. Dabei sind Fortschritte erzielt worden, aber es
ist noch einiges an Arbeit zu leisten. Sie haben jetzt an Serbien gesehen,
dass durchaus ein Fortschritt erzielt wurde. Man kann zum Beispiel auch am
Land Albanien sehen, dass dort aus unserer Sicht noch Probleme auftreten.
Aber wir sind hierbei guten Willens, weil wir natürlich wissen, was das für
eine großartige Sache auch für die Bevölkerung ist. Wenn wir im politischen
Prozess vorankommen, wird Deutschland hierbei auch immer unterstützend tätig
sein.
FRAGE: Ich habe eine Frage zu einem innenpolitischen Thema, wenn Sie
erlauben.
BK'IN DR. MERKEL: Eigentlich nicht.
ZUSATZFRAGE: Darf ich?
BK'IN DR. MERKEL: Stellen Sie sie. Aber das ist hier jetzt nicht der Ort.
ZUSATZFRAGE: Wie ernst nehmen Sie ihre parteiinternen Kritiker, allen voran
Roland Koch, die ein Machtwort von Ihnen fordern?
BK'IN DR. MERKEL: Ich freue mich auf die gemeinsame Klausurtagung des
CDU-Bundesvorstandes am Donnerstag und Freitag!
