Sehr geehrter Herr Professor Tietmeyer,
sehr geehrter Herr Kannegiesser,
Herr Kommissar Almunia,
Herr Draghi,
Herr Bundeswirtschaftsminister, lieber Herr zu Guttenberg,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,
liebe Kollegen aus den Parlamenten,
herzlichen Dank für die Einladung zu dieser Tagung der Initiative Neue
Soziale Marktwirtschaft in einer außergewöhnlichen Zeit.
Herr Professor Tietmeyer, wir waren im vergangenen Jahr angesichts des
60. Jahrestags der Sozialen Marktwirtschaft gemeinsam bei einer
Festveranstaltung im Bundeswirtschaftsministerium. Wir waren uns damals
einig, dass die Soziale Marktwirtschaft ein Erfolgsmodell ist, dass sie
"made in germany" in einer besonderen Weise und "Wohlstand für alle" in
einem umfassenden Sinne verkörpert, wie es das in Deutschland noch nicht
gegeben hat.
Ich habe damals in meiner Rede gesagt, dass wir natürlich vor neuen
Aufgaben stehen. Da damals eine internationale Finanz- und
Wirtschaftskrise in diesem Ausmaß noch nicht im Raum stand, habe ich vor
allen Dingen auf die langfristigen Notwendigkeiten hingewiesen, die in
Westeuropa und vor allen Dingen in Deutschland die Soziale
Marktwirtschaft weiter zu einem Erfolgsmodell machen lassen. Ich habe
damals gesagt: Nach "Wohlstand für alle" ist es wichtig, dass wir in den
nächsten Jahren dafür Sorge tragen, dass Bildung für alle hierfür die
Grundlagen schafft, dass Innovation, Kreativität, Forschungsfähigkeit
und Erneuerungskraft für Deutschland das Gütesiegel der Zukunft sind.
Daran hat sich durch die Krise nichts geändert. Als mittel- und
langfristiges Ziel wird dies auf der Tagesordnung bleiben.
Es ist zwischenzeitlich etwas passiert. Wir haben uns zwischen Bund und
Ländern darauf verständigt, bis zum Jahr 2015 zehn Prozent für Bildung
und Forschung auszugeben, davon drei Prozent für Forschung. In den
nächsten Jahren werden zum Beispiel die Südkoreaner 4,5 Prozent ihres
Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgeben. Das heißt,
wir liegen in diesem Bereich nicht an der Spitze der Welt.
Nun aber hat uns eine internationale Krise erreicht, von der die
Exportnation Deutschland in besonderer Weise betroffen ist. Just zum
60. Geburtstag der Bundesrepublik Deutschland haben wir wahrscheinlich
den schwersten Wirtschaftseinbruch zu verzeichnen. Man glaubt den
Prognosen nicht mehr ganz so wie früher, aber die Fakten des ersten
Quartals lassen leider erahnen, dass die Prognose von minus sechs Prozent
so falsch nicht ist, was das Wirtschaftswachstum anbelangt. Wenn man
sich vor Augen führt, dass der größte Einbruch bei der wirtschaftlichen
Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland bislang bei minus 0,9 Prozent
lag, zeigt das die Dimension und die Herausforderung, vor denen wir
stehen.
Das Gute in Zeiten einer prosperierenden Weltwirtschaft für Deutschland
war und ist eine hohe Exportfähigkeit. In Zeiten daniederliegender
Weltmärkte wird die Exportorientierung natürlich zu einer
Herausforderung. Umso mehr hat Deutschland ein immanentes Interesse
daran, dass aus dieser Krise die richtigen Lehren gezogen werden und
dass die Weltwirtschaft insgesamt wieder schnell auf die Beine kommt,
weil dies auch die Voraussetzung für Wirtschaftswachstum bei uns ist. Um
es gleich vorweg zu sagen: Ich halte nichts von den Diskussionen, dass
wir uns umstellen müssten und nicht mehr so stark vom Export abhängig
sein sollten. Weder glaube ich, dass das machbar ist, noch glaube ich,
dass wir durch die Inlandsnachfrage irgendetwas kompensieren könnten –
schon gar nicht angesichts unserer demographischen Entwicklung. Wir
müssen unsere Stärken also weiter ausbauen.
Allerdings werden durch diese Krise die Karten auf der Welt neu gemischt.
Nicht immer kennzeichnet ordnungspolitisches Verhalten das
Krisenmanagement anderer Staaten auf der Welt. Ich beobachte das sehr
genau. Wir brauchen gleiche Spielregeln und müssen als Exportnation
alles verhindern, das dazu führt, dass durch protektionistisches oder
einseitiges Verhalten einzelner Länder ein völlig verzerrtes
internationales Wettbewerbsfeld geschaffen wird.
Was ist die Ursache dieser internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise?
Herr Professor Tietmeyer hat das eben angedeutet. Diese Ursachen liegen
lange zurück. Sie liegen sicherlich auch in bestimmten technischen
Entwicklungen im Bankenbereich, in der schönen Informationstechnologie,
die die Verpackung, Umschichtung und Neusortierung von schon als
Original kaum verständlichen Finanzmarktprodukten so erlaubte, dass
dadurch Verschleierungen eintreten konnten und sich das Ganze sozusagen
in eine hohe Sphäre der Bindungslosigkeit entfernen konnte. Ein
interessantes Phänomen ist, dass selbst Banker nach dreimaligem
Umschichten ihre eigenen Produkte nicht mehr erklären können. So etwas
passiert nach meiner Meinung in der Geschichte nur einmal, wenn die
Menschheit noch einigermaßen klar im Kopf ist.
Eine der Ursachen war, dass es nur einen kleinen Kreis von Kennern
dieser Materie gab, die fast alle in dem Geschäft selbst verankert waren,
die also an den Gewinnen partizipiert haben, und dass es deshalb keine
kenntnisreiche Kontrollöffentlichkeit gab. Der zweite Punkt ist, dass
sich das Ganze international abgespielt hat. Das heißt, es war dem
Zugriff einzelner Nationalstaaten weitestgehend entzogen. Deshalb muss
ein internationaler Rahmen geschaffen werden.
Ich stimme Ihnen voll zu, dass die Ursache nicht allein in der
Wirtschaft liegt. Wirtschaftliche Akteure verhalten sich, wie sie sich
verhalten. Es nützt wenig, an die moralische Qualität jedes einzelnen
Akteurs zu appellieren. Das funktioniert nicht; man mag das noch so
bedauern. Deshalb geht es bei der Bewältigung der Krise und der
Verhinderung einer Wiederholung vor allen Dingen um die Schaffung eines
richtigen Ordnungsrahmens, der allerdings nicht alle
marktwirtschaftlichen Kräfte abtötet und zu weit einschränkt.
Zu den Ursachen zählt nach meiner Auffassung letztendlich eine
Verhaltensweise, die auch politisch unterstützt wurde, so zum Beispiel
durch die Geldpolitik in den Vereinigten Staaten von Amerika und durch
die Weigerung, an den großen Börsen dieser Welt überhaupt irgendwelche
Regeln anzunehmen. Wir haben während unserer G8-Präsidentschaft einen
sehr verzweifelten Kampf anhand von kleinen Beispielen geführt. Aber
letztendlich steht für mich dahinter, dass man das Wachstum zur
Obergröße erklärt hat und damit alle Sündenfälle unterhalb dieses Ziels
in Kauf genommen hat – und das lange Zeit scheinbar zum Vorteil vieler
Akteure. Es ist richtig, dass auch Deutschland davon profitiert hat,
weil der Export gut lief.
Man kann eine lange Diskussion im Sinne der Diskussion über Henne und Ei
führen, wer nun wie Schuld hatte. Das hilft uns jetzt nicht weiter. Wir
müssen diese Krise bekämpfen und aus ihr Lehren ziehen. Eines sage ich
auch: Die Erfahrung der Menschen in Deutschland ist schon eine sehr
elementare. Wir waren auf einem Kurs, der mit der Agenda 2010 begonnen
hat und durch die Große Koalition fortgesetzt wurde, der den Menschen
gezeigt hat: Reformen können Erfolge bringen. Die Zahl der Arbeitslosen
war unter drei Millionen gesunken. Die Haushalte hatten sich
stabilisiert. Wir waren auf einem guten Pfad, was die Einhaltung der
Stabilitätskriterien der Europäischen Union anbelangt. Wir hatten zum
zweiten Mal – kurz vor der Deutschen Einheit war das schon einmal unter
Finanzminister Theo Waigel der Fall – nach langen Jahren wieder die
Chance auf einen ausgeglichenen Bundeshaushalt, indem innerhalb eines
Jahres auf der Bundesebene keine Neuschulden mehr aufgenommen worden
wären. Dies alles ist abrupt zerbrochen. Dies ist eine elementare
Erfahrung, mit der wir politisch umgehen müssen. Trotzdem müssen wir die
Menschen weiter ermutigen, sich Reformen und Veränderungen nicht zu
verschließen. Das wird uns in den nächsten Jahren sehr, sehr stark
beschäftigen.
Da wir keinen oder nahezu keinen Verursacher der Krise dingfest machen
können, ist die einzige politische Legitimation, den Menschen zu sagen:
Ja, wir haben die Lehren aus der Krise gezogen. Dies müssen Lehren der
internationalen Staatengemeinschaft sein.
Es ist interessant, noch einmal auf die Anfänge der Geschichte der
Sozialen Marktwirtschaft zurückzublicken. Ich bin keine Expertin; das
sage ich gleich. Aber es ist sehr spannend zu sehen, welche Lehren
damals aus der Weltwirtschaftskrise gezogen worden sind. Die
Ludwig-Erhard-Stiftung hat eine sehr schöne Schrift dazu herausgegeben.
Weil uns die Soziale Marktwirtschaft so wichtig ist, neigen wir alle
inzwischen dazu, sie ein bisschen für unsere jeweiligen Zwecke zu
instrumentalisieren. Deshalb ist es manchmal gut, wenn man auf die
Ursprünge zurückgeht.
Die Weltwirtschaftskrise war ein elementares Erlebnis, bei dem man
erkennen musste, dass es Situationen gibt, in denen Marktkräfte einfach
nicht mehr wirken und deshalb staatliche Ordnungsmaßnahmen sozusagen
zwingend notwendig werden, um die Marktkräfte überhaupt wieder zum
Wirken zu bringen. Genau das ist das Erlebnis, das wir auch jetzt hatten.
Ich hatte mir nach dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik und
seit meiner aktiven Partizipation als Bürgerin der Bundesrepublik
Deutschland eigentlich nicht vorgestellt, dass Vertreter der Märkte zu
mir schreiten und sagen: Entweder Sie greifen staatlich ein oder aber
die gesamte Volkswirtschaft bricht zusammen. Das war die Situation im
Herbst des vergangenen Jahres. Es wurde nicht etwa gesagt: Denken Sie
noch einmal nach, überlegen Sie noch einmal. Es wurde stattdessen nach
dem Motto gesagt: Wenn es heute Nacht nicht passiert, ist alles vorbei.
Es wurde ein wirklich interessanter und spannender Druck entfacht, den
ich versucht habe, etwas abzufedern. Aber da war nicht viel zu machen,
weil die internationale Gemeinschaft nach dem Fall von Lehman Brothers
einfach diese Forderung aufgestellt hat. Meine Bitte ist nur, dass man
sich ab und an daran erinnert, dass es Situationen gibt, in denen es so
schlecht nicht ist, dass es Staaten gibt. Wenn es sie nicht gegeben
hätte, säßen wir heute nicht mehr ganz so ruhig hier im Hotel Adlon. Der
Staat hat aber nun die Aufgabe – und das wird natürlich richtigerweise
von der Bevölkerung und der Öffentlichkeit mit größter Sensibilität
betrachtet –, die marktwirtschaftlichen Kräfte wieder zum Agieren zu
bringen. Das ist vor allen Dingen die Aufgabe im Bankenbereich. Darüber
haben wir hinreichend viele strittige Diskussionen geführt.
Die Reaktion der amerikanischen Seite auf die Weltwirtschaftskrise war
etwas anders geartet. Sie war weniger ordnungspolitisch ausgeprägt,
sondern sie war zum Beispiel durch Keynes in der praktischen Umsetzung
sehr viel stärker auf eine pragmatische aktive Bekämpfung der Krise
ausgerichtet. Es ist recht spannend, dass wir angesichts dieser
unterschiedlichen Angehensweisen heute, so viele Jahre danach, manche
politische Diskussion, die wir zwischen Europa und den Vereinigten
Staaten von Amerika führen, besser verstehen können. Wie immer glaube
ich, dass die richtige Antwort in einer guten Mischung aus beiden
Ansätzen liegt: Das eine ist die konkrete Krisenbewältigung, das andere
sind die langfristigen Folgerungen, die wir zu ziehen haben.
Deutschland hat sich in viele ordnungspolitische Diskussionen gestürzt.
Das ging von der Aussage von Professor Sinn, dass wir die Banken
verstaatlichen sollen, bis zu den Aussagen, dass dies das Allerletzte
sei. Es war sozusagen alles im politischen Spektrum vorhanden.
Wir haben uns lange mit der Frage der Enteignung einer Bank herumgequält.
Wir haben so lange darüber diskutiert und so viele Barrieren eingebaut,
dass es dazu glücklicherweise vielleicht nicht kommen wird. Die Mühe hat
sich gelohnt. Das muss man sagen. Aber es war auch etwas komisch, dass
allein wegen der Tatsache, dass wir erklärt haben, dass eine
systemrelevante Bank nicht Pleite gehen kann, das normale Verfahren
einer Insolvenz einer solchen Bank ausschied, also ein
marktwirtschaftliches Instrument nicht zur Verfügung stand und sich
damit die Stoßrichtung dessen, was man dann überhaupt noch tun kann,
verändert hat. Der Steuerzahler kann natürlich nicht ad ultimo für ein
Institut bezahlen, das eigentlich nicht mehr existieren würde, und zwar
nur wegen der systembedingten Verpflichtung, dass wir es nicht Pleite
gehen lassen. Es mit den Geldern des Steuerzahlers so lange aufzupäppeln,
bis es wieder hervorragende Geschäfte macht, ist eine Philosophie, die
ich jedenfalls als Bundeskanzlerin schwer vertreten kann.
Wir Staaten – das wird in Zukunft noch zu diskutieren sein; und auf
diese Frage habe ich, das sage ich ehrlich, noch keine Antwort – haben
eine Zusage im Rahmen der internationalen Finanzwelt gegeben, dass
Banken mit einem systemischen Risiko nicht Pleite gehen dürfen, was uns
natürlich in einer außergewöhnlichen Art und Weise bindet. Wenn man das
als Bank einmal weiß, muss man nur groß genug werden. Dann hat man quasi
die Staaten in der Hand. Deshalb müssen wir uns fragen, welche
Rahmenbedingungen wir setzen. Man muss eventuell auch überlegen –
vielleicht können die Diskutanten heute einmal darüber reden –, ob ein
Land mit relativ geringem Bruttoinlandsprodukt beliebig viele große
Banken haben kann, ohne dass klar ist, was aus damit verbundenen Risiken
entsteht. Denn sonst kann der Staat selbst seine Zusagen nicht mehr
einhalten. Schon mit diesen Zusagen ist er in einer schwierigen
Situation.
Ich will an dieser Stelle nicht verhehlen, dass ich mit einer gewissen
Sorge sehe, dass es Banken gibt, wenn sie gut aus der Krise herauskommen,
die durch die Tatsache, dass die Staaten so viel Geld für die Rettung
der Banken ausgegeben haben, schon allein deshalb ein hervorragendes
Geschäftsfeld haben, nämlich das Hin- und Herschieben von Staatsanleihen.
Das wird noch ein paar Jahre andauern. Auch das beobachte ich kritisch,
weil es gewisse Gefährdungen birgt. Das heißt, wir müssen für die
Zukunft eine vernünftige eigene Risikoabsicherung der
Finanzinstitutionen erreichen. Davon ist ein Element das Behalten der
eigenen Produkte, die man für so toll erklärt hat. Wir sind jetzt bei
fünf Prozent angelangt. Schon bei zehn Prozent ist das Geschrei groß
gewesen. Darüber bin ich auch schon etwas verwundert gewesen. Aber okay,
fünf Prozent sind besser als nichts.
Dann stellt sich die Frage der internationalen Überwachung. Was passiert
mit Banken, die überregional agieren? Hierbei tun wir uns in Europa
schwer. Ich sage allerdings, dass es für mich keine Alternative für eine
europäische Bankenaufsicht gibt. Das ist keine Frage. Aber das alleine
reicht nicht. Wir brauchen Institutionen, die das weltweit tun. Bei der
Frage, ob das allein intergouvernemental geht oder ob nicht doch eine
Institution wie das FSB oder der IWF in eine stärkere Verantwortung
genommen werden müssen, neige ich als Europäerin, die sich schon damit
abgefunden hat, dass Nationalstaaten Kompetenzen an Brüssel abgeben
müssen, dazu zu sagen: Wir dürfen eine Abgabe von Kompetenzen in diesen
Fragen nicht für tabu erklären. Herr Professor Issing hat für uns mit
seiner Gruppe einen Risikoatlas der wichtigsten Finanzinstitutionen
ausgearbeitet. Ich finde, das ist eine interessante Idee, die wir weiter
verfolgen sollten.
Wenn ich die Geschwindigkeit des G20-Prozesses betrachte, kann ich
festhalten, dass wir ein sehr erfolgreiches Treffen in London hatten.
Wir befinden uns jetzt auf der Ebene der mühsamen Umsetzung. Aber wir
müssen aufpassen, dass uns der Schwung nicht verlässt, bevor nicht die
eigentlichen Schlussfolgerungen gezogen sind. Da sind noch etliche dicke
Bretter zu bohren. Die Gefahr, dass uns die Neuerstarkung der
Finanzmärkte die Sache schwerer macht, sehe ich ganz klar. Jeder, der
einigermaßen gestärkt aus der Krise herauskommt, wird versuchen, sich
gegen zukünftige Auflagen zu wehren. Insofern wird das Treffen der G20
im Herbst in Pittsburgh – pikanterweise am 24. und 25. September – eine
gewisse Dringlichkeit haben. Wenn es uns dort nicht gelingt, die
strukturellen Dinge richtig festzuzurren, wird es sehr, sehr schwer
werden, im Erholungsprozess der Weltwirtschaft voranzukommen.
Wenn es richtig ist, dass die tieferen Ursachen letztlich sind, dass wir
in Kauf genommen haben, Wachstum auf Defiziten aufzubauen und
Ungleichgewichte auf der Welt zu akzeptieren, bedarf es eines Prozedere –
ich möchte das gerne in Form einer "Charta des nachhaltigen
Wirtschaftens" machen –, in dem wir uns auf Grundzüge einer
internationalen Finanzmarktarchitektur und bestimmte Prinzipien
verständigen. Darum machen, obwohl die G20 beschlossen haben, dass wir
an einer solchen Charta arbeiten, im Augenblick viele einen Bogen, weil
die Entwicklungs- und Schwellenländer Angst haben, dass für sie Wachstum
eingeschränkt wird – das ist die Urangst, die wir auch bei allen
Umweltabkommen haben –, und weil die entwickelten Länder keine Lust
haben, sich bezüglich ihrer Defizite zu binden.
Ich bin der festen Überzeugung: So wie wir Herrn Almunia und die
Europäische Kommission haben, die uns immer wieder auf den Stabilitäts-
und Wachstumspakt aufmerksam machen, so müssen wir weltweit ähnliche
Absprachen treffen. Ansonsten werden wir ein von mir angesprochenes
gleiches Wettbewerbsfeld nicht erreichen. Da in der Zeit der
Globalisierung Risiken immer auf alle verteilt werden und die Gewinne
auf wenige konzentriert bleiben können, ist dieses Ziel für mich absolut
zwingend, weil wir ansonsten nicht zu einer evolutionären
kontinuierlichen und nachhaltigen Entwicklung der Weltwirtschaft kommen
werden.
Wir werden strukturelle Fragen zu klären haben, auf die ich hier nicht
weiter eingehen will. Wir haben noch nicht das internationale Format
gefunden. Wir haben auf der einen Seite die G8 plus die G5 – Indien,
China, Mexiko, Brasilien und Südafrika –, die wir im
Heiligendamm-Prozess auf der Plattform der OECD zu einer gemeinsamen
Diskussionskultur gebracht haben. Dieser Prozess wird unter der
italienischen G8-Präsidentschaft wahrscheinlich um zwei Jahre verlängert
werden. Das ist gut. Dazu konkurrierend gibt es das aus dem
G20-Finanzministerformat entstandene Format der Staats- und
Regierungschefs. Es gibt international noch keine Übereinkunft – darüber
müssen wir im Sommer in Italien sprechen –, wie sich diese beiden
Formate zueinander entwickeln. Die G20 ist noch keine Sicherheit dafür,
dass es zu einer weltweiten Akzeptanz kommt. Deshalb muss man es
schaffen, die Gruppe der 20 geschickt mit den jeweiligen regionalen
Wirtschaftsorganisationen zu verknüpfen, um eine breit gestützte
Akzeptanz aus der Afrikanischen Union, dem lateinamerikanischen und
asiatischen Raum zu bekommen. Wenn wir uns das genau anschauen, sehen
wir, dass sich die Bündnisse in den Regionen verstärken und dass wir
daraus eine bessere globale Handlungsoption bekommen.
Ich habe mich immer für den Begriff "Neue Soziale Marktwirtschaft"
eingesetzt, und zwar fast zeitgleich mit Ihrer Initiative. Ich habe das
aus dem Verständnis heraus getan, dass wir eine neue Dimension der
Sozialen Marktwirtschaft brauchen, nämlich die internationale.
Herr Kannegiesser sagte mir eben, als Sie über die Soziale
Marktwirtschaft sprachen und darüber, dass sicherlich nicht jede Facette
exportierbar sei, so nett: Die Deutschen denken trotzdem immer zuerst an
den Export. Damit sind wir ja auch nicht schlecht gefahren. Ich sage:
Die Grundzüge der Sozialen Marktwirtschaft müssen Grundlage weltweiten
Wirtschaftens werden, ob wir es so nennen oder nicht. Wir brauchen einen
Ordnungsrahmen. Staaten oder Institutionen müssen Hüter dieses
Ordnungsrahmens sein. Ansonsten wird es auf Dauer weltweit immer wieder
zu schweren Eruptionen kommen.
Nun haben wir eine Krise. Ich möchte natürlich aus dem Blickwinkel der
nationalen Sozialen Marktwirtschaft etwas zu ihrer Bewältigung sagen.
Ich glaube, die Bankenrettung ist im Wesentlichen einigermaßen gelungen.
Allerdings stehen wir vor verschiedenen Problemen.
Erstens: Wir wussten immer, dass Deutschland einen eher unter- als
überentwickelten Bankensektor hat. Die Tatsache, dass sich die
internationalen Banken weitestgehend aus dem deutschen Geschäft
zurückgezogen haben, weil sie erst einmal mit sich beschäftigt sind, zum
Teil verstaatlicht und wenig überregional tätig sind, stellt für unsere
Industrienation mit Blick auf langfristige überregionale Investitionen
ein erhebliches Problem dar. Es gibt weniger Akteure.
Zweitens zu den Banken. Ich lasse einmal die Deutsche Bank außen vor.
Sie ist gut durch die Krise gekommen, wenn alles so bleibt, wie es im
Augenblick ist. Manchmal ist es etwas komisch: Wenn eine Bank gut
durchkommt – ich habe nicht jede Kommunikation der Deutschen Bank
geteilt – und wir ein Sorgenkind weniger haben, müssen wir uns nicht
aufregen, sondern können zufrieden sein, dass uns einer einmal keine
Probleme macht. Das will ich an dieser Stelle auch sagen.
Die Dresdner Bank und die Commerzbank haben sich vor der Krise dazu
entschlossen, zu fusionieren, was wir immer für gut befunden haben.
Allerdings ist dadurch deren Kreditvolumen auch nicht gerade extensiv
gewachsen. Die Schwierigkeiten, die sie in sich trugen, haben dazu
beigetragen, dass sie sich nicht in kurzer Zeit zu voller Blüte
entwickeln können.
Dann gibt es in Deutschland die Landesbanken. – Die Sparkassen haben
sich gut geschlagen. Das will ich ausdrücklich sagen. Manchmal
verdrängen das die Miteigentümer, aber an dem Problem arbeiten wir noch. –
Auch die Landesbanken müssen sich umstrukturieren. Wenn sie sich
allerdings in der Krise zu schnell umstrukturieren, wird auch deren
Kreditvolumen nicht wachsen. Hier müssen wir aufpassen, dass sich das in
einer vernünftigen Zeitfolge vollzieht und dass geeignete
Geschäftsmodelle vorhanden sind. Es ist auch eine interessante Frage,
wie man ohne Geschäftsmodell lange agieren kann.
Wir sind jetzt aus meiner Sicht in einer sehr speziellen Phase der
Bankenrettung und -konsolidierung. Jeder hat eingesehen, dass intensives
Eingreifen nötig war – im Krankenhaus würde man von einer
Intensivstation sprechen. Aber jetzt schließt sich eigentlich die Reha-Phase
an, in der es um Bad Banks und toxische Papiere geht. Wir müssen
aufpassen, dass wir hierbei nicht an Mühen sparen, weil wir ansonsten
zwar überlebende Banken, aber nicht voll agierende Banken haben werden.
Deshalb ist die Frage, wie wir mit diesen toxischen Papieren umgehen und
welche Lösung wir finden, die den Steuerzahler möglichst wenig belastet,
eine der entscheidenden und spannenden Fragen, mit denen sich im Übrigen
die ganze Welt herumschlägt. Der Stein des Weisen wurde bis jetzt noch
von niemandem gefunden, aber es sind verschiedene Ansätze im Umlauf. Das
ist das, was uns im Bankenbereich beschäftigt.
Mich beschäftigt ein Weiteres: Wir in der Europäischen Union haben –
ordentlich, wie wir sind – das Basel-II-Abkommen natürlich eins zu eins
und mit einer schönen Richtlinie umgesetzt. Die Amerikaner haben das
nicht getan. Darüber hatte ich schon während unserer G8-Präsidentschaft
mit dem damaligen Präsidenten gesprochen. Das, was richtig gedacht ist,
erweist sich nun in der Krise erstens als wettbewerbsverzerrend
gegenüber Amerika und zweitens als mit unglaublichen prozyklischen
Effekten ausgestattet. Das heißt, Basel II, die prozyklischen Effekte
und die Bilanzierungsregeln sind Punkte, an denen wir arbeiten müssen,
und zwar für die Zeit der Krise. Für die Zeit danach haben wir bereits
festgelegt, dass wir sozusagen Kapitalreserven bei den Banken brauchen
werden, die in guten Zeiten angelegt werden und dann in Krisenzeiten zur
Verfügung stehen. Das ist aber Zukunftsmusik, an die wir denken müssen,
die uns aber in der Gegenwart nicht hilft.
Nach allem, was ich höre, ist es so, dass, wenn wir bei den
prozyklischen Effekten von Basel II nicht etwas tun, in den nächsten
Monaten des Sommers und des Herbstes erhebliche Krediteinschränkungen
auf uns zukommen werden und der Effekt, dass das Wachstum langsamer in
Gang kommt, als es in Gang kommen könnte, sehr stark werden wird.
Deshalb meine herzliche Bitte, gerade an Herrn Draghi und Herrn Almunia:
Widmen Sie sich dieser Frage. Es ist ein Hin- und Hergeschiebe, keiner
ist so richtig verantwortlich und keiner möchte einen
ordnungspolitischen Sündenfall begehen. Aber wenn wir auch nur einen
Anflug der Vehemenz, mit der wir andere Dinge gemacht haben, auch in
Bezug auf diesen Part haben würden, dann wäre das sehr gut. Wir werden
jedenfalls seitens Deutschlands immer wieder darauf drängen.
Wie kommen wir nun durch das Tal der Krise? Es wird manchmal so getan,
als ob, wenn wir den Tiefpunkt erreicht haben, die Krise vorbei wäre.
Die Krise ist natürlich erst dann vorbei, wenn wir wieder den Punkt
erreicht haben, an dem wir 2008 einmal waren. Wie aber sieht der
Konjunkturverlauf aus, die Form dessen, wie wir aus dieser Krise
herauskommen? Ein V-förmiger Verlauf wäre das Schönste: schnell runter,
schnell hoch. Das wird es aber wohl nicht werden. Die Frage, welches
Land auf der Welt wie stark oder wie schwach aus dieser Krise
herauskommen wird, entscheidet sich entlang eines U-förmigen Verlaufs,
sozusagen an einer "Badewanne" – ob es nun eine Sitzbadewanne, eine
Streckbadewanne oder eine Kinderbadewanne sein mag. Jedenfalls ist
entscheidend, dass man nicht lange unten verharrt, sondern möglichst
schnell wieder herauskommt. Deshalb wird es in den nächsten Jahren auch
so wichtig sein, dass wir auf ein vernünftiges nachhaltiges Wachstum
setzen und uns nicht Restriktionen auferlegen, die uns immer weiter
einschnüren.
Wir haben jetzt reagiert und uns gefragt, was unser größter Schatz in
Deutschland ist. Das sind unsere Facharbeiter, Meister und Ingenieure;
gar keine Frage. Deshalb tun wir alles, um in Form von Kurzarbeit, von
Infrastrukturprogrammen und auch von Bürgschaften, auf die ich gleich zu
sprechen kommen werde, die Marktkräfte dort, wo sie noch nicht wieder
richtig funktionieren, zu stützen und Brücken zu bauen. Ich glaube, dass
die Idee der Kurzarbeit eine sehr vernünftige war. Ich will hier
deutlich sagen: All unsere Maßnahmen sind so ausgestaltet, dass sie für
Freiberufler, die einen Beschäftigten haben, bis hin zu Unternehmen, die
hunderttausend Beschäftigte haben, immer die gleichen Kriterien anlegen.
Auch bei der Vergabe von Bürgschaften wird jetzt viel davon gesprochen,
dass man nur den Großen helfe und den Kleinen nicht. Es gibt aber,
glaube ich, bereits 345 Fälle, in denen auch kleineren Unternehmen
geholfen wurde. Die sind nur nicht so bekannt, dass sie es in die
allgemeinen Nachrichten schaffen würden. Aber diesbezüglich wird sehr
viel getan.
Wir haben bei den Steuer- und Abgabenlasten Entlastungen verabredet, die
insbesondere zum 1. Juli wirksam werden – sowohl im steuerlichen Bereich
im Rahmen der Kalten Progression und der Steuerfreibeträge als auch bei
den Abgaben hinsichtlich der Gesundheitskosten, was dann die
Lohnzusatzkosten auf weniger als 40 Prozent bringen wird. Das ist etwas,
was für die Wirtschaft natürlich auch ein leichterer Rucksack als in
anderen Zeiten ist.
Mit all diesen Dingen haben wir zweierlei getan. Erstens haben wir einen
Beitrag für uns selbst in Deutschland geleistet, sodass die
Binnenkonjunktur und insbesondere der Konsum bislang nicht eingebrochen
sind. Zweitens ist dies auch ein Beitrag, den wir für die Bewältigung
der internationalen Krise leisten. Denn allein in diesem Jahr wird sich
unsere Handelsbilanz um mindestens 130 Milliarden Euro zugunsten der
Importe verändern, weil die Exporte eingebrochen sind, die Importe aber
weiterhin stark sind, da wir weiterhin konsumieren. Damit sind wir eines
der Länder – das hat uns der IWF auch bestätigt –, die zur
Stabilisierung der Weltmärkte einen erheblichen Beitrag leisten. Hinzu
kommen die automatischen Stabilisatoren, die wir in Deutschland haben
und die angesichts unseres breit ausgebauten sozialen Sicherungssystems
natürlich sehr viel stärker wirken, als das in anderen Ländern der Fall
ist. Insofern haben wir wirklich gute Beiträge geleistet.
Nun ist klar, dass sich, nachdem die Banken etwas aus dem Fokus
herausgekommen sind, die gesamte politische Meinungsbildung und
Diskussion natürlich auf die einzelnen Fälle konzentriert, in denen
Unternehmen in Schwierigkeiten geraten sind. Diesbezüglich möchte ich
auf zwei Dinge eingehen und anhand des Beispiels Opel und des Beispiels
Arcandor erklären, wie das Vorgehen ist.
Ich bleibe dabei, dass wir im Fall Opel einen besonderen Fall hatten, zu
dem ich im Vergleich keinen zweiten solchen Fall sehe, und dass wir
allerdings für alle anderen Fälle ein klares Prozedere eingeführt haben,
das nicht von der ersten Sekunde an politikabhängig ist. Wir haben ein
Bürgschaftsprogramm und Kriterien für dieses Bürgschaftsprogramm
verabredet – das ist im Kabinett beschlossen worden – und haben einen
Bürgschaftsausschuss eingesetzt. Es gibt einen so genannten
Lenkungsausschuss, der durch Staatssekretäre politisch besetzt ist. Aber
wir haben auch einen Lenkungsrat installiert, der wiederum
Wirtschaftssachverständige hat, und bei Fällen von grundsätzlicher
Bedeutung oder oberhalb einer bestimmten Bürgschaftsgrenze, die bei 300 Millionen
Euro liegt, seine Empfehlung im Lichte der Ergebnisse des
Bürgschaftsausschusses abgeben muss, bevor dann der Lenkungsausschuss
beschließt.
Ich habe die feste Absicht – ich glaube, das eint mich mit dem
Bundeswirtschaftsminister; und das ist auch innerhalb der ganzen
Regierung so verabredet –, nach diesem Prozedere und – manche denken,
man sollte dieses und jenes tun – nicht anders zu verfahren. Wenn wir
das nicht tun, dann kommen wir natürlich in eine extrem schwierige
Situation, weil es dann nur um Sympathien, um Antipathien und um
vorhandene oder nicht vorhandene Unternehmensgrößen geht. Das kann auf
gar keinen Fall mit einem Bürgschaftsrahmen in Höhe von 100 Milliarden
Euro oder 115 Milliarden Euro, wenn man den Mittelstand hinzunimmt,
funktionieren. Deshalb wird diese Prozedur auch im Falle Arcandor genau
so ablaufen. Danach wird sich auch die Meinungsbildung der Politik
richten.
Wir hatten über die Frage der Zukunft von Opel zu entscheiden. Hier
stellte sich die Situation als außergewöhnlich kompliziert heraus. Ich
glaube, das war auch Grundlage unserer gesamten Diskussion. Hierbei ist
es sehr schwer, die Risiken zu bewerten. Wir haben eine
Verhandlungssituation einer amerikanischen Mutter mit einem europäischen
bzw. einem in großem Maße deutschen Unternehmen gehabt. Dieses
amerikanische Unternehmen gehört nunmehr im Wesentlichen, zu 60 Prozent
den US-amerikanischen und zu 12 Prozent den kanadischen
Regierungsvertretern, also zu 72 Prozent staatlichen Institutionen. Mit
dieser Eigentumsgestaltung ging es nun in ein spezielles amerikanisches
Insolvenzverfahren, in dem aber die Rahmenbedingungen, der
Ordnungsrahmen für die Insolvenz, staatlich vorgegeben worden sind. Es
lag uns sehr daran, eine Trennung des europäischen Bereichs vom
amerikanischen Bereich hinzubekommen.
Wir können jetzt lange darüber spekulieren, ob es gelungen wäre, diese
Trennung zu erreichen, wenn wir in Europa und in Deutschland gleich auf
eine Insolvenz gesetzt hätten. Den hier anwesenden Wirtschaftsvertretern
will ich nur sagen: Das wäre für Sie natürlich auch nicht so toll
geworden. Der schöne Pensionssicherungsverein hätte erst einmal eine
Last in Höhe von vier Milliarden Euro offeriert bekommen. Ob sie das
dort so geschätzt hätten, weiß ich nicht. Ich schaue jetzt einmal Herrn
Kannegiesser an, weil er heute früh etwas dazu gesagt hat. Ich habe mich
aber schon über alles mit ihm ausgetauscht. Dann gibt es natürlich die
Tatsache, dass wir keine Gläubigerbank für Opel haben. Das heißt, wenn
es zu dem gekommen wäre, was es jetzt zum Beispiel bei Qimonda gibt,
nämlich zu einem Insolvenzverfahren, im Rahmen dessen das Insolvenzgeld
von der Bundesagentur gezahlt wird und die Betriebsmittel von den
Gläubigerbanken bezahlt werden, dann wären die Gläubigerbanken für die
Bezahlung der Betriebsmittel staatliche Banken gewesen. Das alles musste
man abwägen.
Ich respektiere trotzdem auch die Bedenken des
Bundeswirtschaftsministers und möchte an dieser Stelle noch einmal ein
ausdrückliches Dankeschön aussprechen, weil hierbei natürlich auch
Interessen des deutschen Staates zu vertreten sind. Wenn man von Anfang
an alles zu jeder Kondition annimmt, dann ist das natürlich nicht
besonders hilfreich. Der Wirtschaftsminister hat an dieser Stelle sehr
darauf geachtet, dass wir unsere Interessen in vollem Maße vertreten
haben.
Wir haben verabredet, dass wir jetzt den Weg der Überbrückungsphase und
des potentiellen Investors Magna gehen. Man muss sehr deutlich sehen:
Magna hat noch keinen bindenden Vertrag unterzeichnet. Das sind
Absichtserklärungen. Wir haben das politisch so dingfest gemacht, wie
man es tun kann, aber jedes Rechtsanwaltspapier – hier werden auch
etliche Rechtsanwälte sein – beginnt ja erst mit all dem, was noch nicht
bindend ist, und erst dann kommt das, was man vorhat. Da ich Physikerin
bin und den Unterschied zwischen dem richtigen Ergebnis und dem
bindenden Ergebnis nicht kenne, muss ich dabei jedenfalls mit größter
Achtsamkeit ausgestattet sein.
Wir geben Opel also eine Chance. Ich halte das für fair. Aber ich sage
auch: Wir haben in der Regierung verabredet, dass der Bürgschaftsrahmen
begrenzt ist. In der neuen Rechtskonstruktion muss Opel mit diesem
Bürgschaftsrahmen auskommen. Wir wissen um die Risiken. Wir wissen, dass
es Chancen gibt. Aber ohne jedes finanzielle Engagement des Staates wäre
es in keinem Fall gegangen. Wir wünschen den Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern bei Opel wirklich von Herzen alles Gute.
Uns haben Insolvenzanwälte auch gesagt, man hätte vielleicht
Rechtsgeschichte schreiben können, indem man einmal geschaut hätte, wie
sich deutsche und europäische Insolvenzverfahren mit "Chapter 11"
vertragen und wie sich das dann hin- und herbewegt. Aber in diesen
Zeiten waren wir alle weniger an neuen Promotionsarbeiten auf
juristischem Feld als eher an einer praktischen Rettung interessiert.
Insgesamt halte ich das Ergebnis für vertretbar, aber nicht risikolos,
um das vollkommen klar zu sagen. Dass man in dieser komplexen
Risikoabschätzung zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann,
versteht sich von selbst.
Meine Damen und Herren, ich glaube, der komplizierteste Abschnitt in
Bezug auf die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft wird beginnen, wenn
wir die Krise überwunden haben werden. Schaffen wir es – das Gegenteil
dessen ist das eigentlich Schlimme an den vergangenen Krisen gewesen –,
wieder auf den Pfad der Tugend zurückzukommen, was unter anderem die
Staatsverschuldung anbelangt? Wann wird dieser Punkt erreicht sein? Dass
die Europäische Kommission im Augenblick schlechterdings "business as
usual" machen kann, obgleich sie uns als Staaten vorher dazu
aufgefordert hat, möglichst viel Geld auszugeben, um die Konjunktur
wieder in Gang zu bringen, weiß sie, glaube ich, selbst. Aber die
Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank muss erhalten bleiben, und
die Dinge, die andere Notenbanken jetzt machen, müssen wieder
zurückgefahren werden. Ich sehe mit großer Skepsis, welche Vollmachten
zum Beispiel die Fed hat und wie sich im europäischen Bereich auch die
Bank of England ihre kleinen Linien erarbeitet hat. Auch die Europäische
Zentralbank hat sich dem internationalen Druck mit dem Aufkauf von
Pfandbriefen schon etwas gebeugt. Wir müssen gemeinsam wieder zu einer
unabhängigen Notenbankpolitik und zu einer Politik der Vernunft
zurückkehren. Ansonsten werden wir in zehn Jahren wieder an genau diesem
Punkt stehen.
Weil es – das ist ja die Lehre aus der Sozialen Marktwirtschaft – ohne
Mechanismen, ohne Regeln und ohne soziale Absprachen nicht gehen wird,
ist es so wichtig, eine internationale Finanzmarktordnung aufzubauen.
Und für uns als Mitgliedstaaten der Europäischen Union ist es wichtig,
uns in die Disziplin unserer eigenen Verträge zu nehmen. Das wird noch
härteste politische Arbeit von uns allen verlangen. Wenn sich die einen
wieder kurzfristiges Wachstum erkaufen, indem sie an diesen Regeln
vorbeigehen, dann wird es für die anderen politisch nahezu unmöglich,
die Regeleinhaltung von ihrer eigenen Bevölkerung zu verlangen. Deshalb
wird die Lösung dieser internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise eine
Bewährungsprobe auch für das Miteinander auf der Welt sein. Ich werde
das weiterhin sehr stark einfordern.
Wir alle haben im Augenblick so viele tägliche Probleme zu lösen, sodass
der Blick auf die langfristige Perspektive verlorengehen kann. Aber das
darf nicht passieren, weil wir ansonsten in eine schwere Krise des
gesamten politischen Systems geraten werden. Das möchte ich nicht, weil
ich ein Freund der Demokratie bin und sie durch die Deutsche Einheit
auch als eine wunderbare Lebenserfahrung erlebt habe. Deshalb werde ich
dafür kämpfen, dass wir die richtigen Lehren ziehen. Herzlichen Dank.
