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Familienbindungen spielen eine große Rolle im Kapitol

Einige Beamte scheinen nicht gewählt, sondern geerbt zu haben

von Dana Milbank
Journalist der Washington Post
Sonntag, 23. Januar 2005, Seite A01

Es war schon ein bisschen verwunderlich, als Doris Matsui, vier Tage nach dem Begräbnis ihres Ehemannes mitteilte, dass sie sich für sein Mandat im Kongress aufstellen würde. Ist  die Witwe erfolgreich bei der Nachfolge ihres verstorbenen Ehemannes, des Republikaners T. Matsui (Demokrat-Kalifornien), wird sie Teil einer langen Liste von Gesetzmachern, die ihren Verwandten ins Amt folgten. Mit mindestens 18 Senatoren, Dutzenden von  Kongressabgeordneten und mehreren Regierungsbeamten, leidenschaftlich befürwortet durch ein Familienerbe, ähnelt das tägliche, moderne Washington manchmal dem Hof Ludwigs XIV., ohne die gepuderten Perücken.

In Alaska zum Beispiel, wurde Lisa Murkowski, (Republikaner) im November in den Senat gewählt, nachdem sie vom ihrem Vater, der dieses Amt aufgeben hatte, um Gouverneur zu werden, zu dieser Position ernannt worden war.

In Illinois verkündete der Abgeordnete William O. Lipinski, (Demokrat) zu spät seinen Rücktritt für die Durchführung von Vorwahlen. Dies ermöglichte es ihm, die älteren Parteimitglieder von der Wahl seines Sohnes Daniel zu überzeugen, um ruhig den Bezirk der Demokraten zu vertreten.

Mit Namen, wie z. B. Boren, Mack und Carnahan, sind mindestens sieben der 41 neuen Kongressabgeordneten, Verwandte von prominenten Politikern. Diese Erben treten ihr Amt zusammen mit dem neu gewählten Präsident an, der der Enkel eines Senators, Sohn eines Präsidenten und Bruder eines Gouverneurs ist.

Dynastiefamilien und eine Spur von Vetternwirtschaft haben einen Teil der amerikanischen Politik, seit John Adams seinen Sohn John Quincy Adams zum Gesandten für Preußen machte, bestimmt. Was jedoch auffällt, ist die Beständigkeit dieses amerikanischen politischen Vermächtnisses und das Entstehen neuer Vermächtnisse – der Einzug der Zeugin Hillary Rodham Clinton in den Senat, als ihr Ehemann das Weiße Haus verließ – sogar dann, wenn andere demokratisch regierte Länder die Vorstellung eines Familienprivileges aufgeben. In Großbritannien verabschiedete die Regierung unter Premierminister Tony Blair 600 „erbberechtigte Peers“ aus dem House of Lords, die ihre Position aufgrund ihrer Geburt innehatten.

Hier ist ein Mandat im Kongress nicht auf ein Geburtsrecht zurückzuführen. Der bekannte Name jedoch und die politischen Verbindungen aufgrund eines verwandten Amtsträgers sind oft schon ausreichend, damit ein Kandidat ins Amt befördert wird. „Wir hatten stets Mitglieder der gleichen Familie im Kongress. Das geht bis auf die Anfänge zurück, aber ich bemerke mehr, als es damals gewesen sind “ teilte David W. Rohde, Wissenschaftler der Michigan State Universität, mit. „Es ist die Kombination des bekannten Namens und des Zugangs zum Geld.“

Stephen Hess vom Brookings Institut, Autor eines Buches über politische Analyse, sieht noch einen dritten Faktor: Die Kinder von Politikern werden oft schon so geboren. Schon beim Aufwachsen wird von ihnen eine Führungsposition erwartet. Tatsächlich überflügeln die Sprösslinge oft ihre Vorfahren, z.B. bei der gegenwärtigen Wortführerin der Fraktion im Haus, Nancy Pelosi, (Demokrat-Kalifornien) Tochter eines ehemaligen Kongressab-geordneten und Bürgermeister von Baltimore, Thomas d’Alesandro, Junior. Ebenso stieg der frühere Vizepräsident Al Gore höher auf als sein Vater, der Senator gewesen war. “Diese Leute werden schon in diese Richtung gedrängt" sagte er.

So sieht es auch der Abgeordnete Rodney P. Frelinghuysen (Republikaner-New York).Er gehört der sechsten Generation der Frelinghuysen-Familie an, die New Jersey im Kongress vertritt, was bis zum Jahr 1794 zurückreicht. „Die Verbindung ist die Tatsache, dass ein Elternteil oder beide Elternteile sehr in dem politischen System verankert sind. So ist man oft ein Mitmacher“, gibt er bekannt und erinnert sich an die Paraden und Picknicks mit seinem Vater, dem Kongressabgeordneten.  „Man bekommt es sozusagen in die Wiege gelegt.”

Blaues Blut ist nicht nötig für das politische Erbe. Eine Anzahl von Kongressabgeordneten ist heute schwarz oder lateinamerikanischer Abstammung. Kongressabgeordneter Kendrick Meek (Demokrat-Florida), Sohn der früheren Kongressabgeordneten Carrie Meek, Republikaner Harold E. Ford Junior, (Demokrat-Tennessee) Sohn des früheren Kongressabgeordneten Harold Ford, Abgeordneter Charlie Gonzalez, (Demokrat-Texas) Sohn des früheren Kongressabgeordneten Henry Gonzalez, Abgeordnete Lucille Roybal-Allard, (Demokrat–Kalifornien), Tochter des früheren Kongressabgeordneten Edward Roybal, Abgeordneter William L. Clay, Junior, (Demokrat-Missouri) dessen Vater Kongressab-geordneter war und die Abgeordnete Cynthia McKinney, (Demokrat-Georgia) Tochter des früheren Abgeordneten von Georgia, Billy McKinney.

Wenn neue Vermächtnisnehmer erscheinen, verschwinden die alten. Die Geschichte ist voll von politischen Familien, deren Stammbäume versiegt sind: die Roosevelts, die Harrisons (William Henry und Enkel Benjamin), die La Follettes, die Stevensons und die Cabot Lodges – deren Nachfahren durch John F. Kennedy, der eine neue politische Dynastie einläutete, beendet wurden.

Präsident Bush, der mit einem in der Politik berühmten Namen an die Macht kam, belohnte mehrere Kinder seiner ideologisch Verbündeten. Der Sohn von Außenminister Colin L. Powell wurde Vorsitzender der Federal Communications Commission, die Tochter des Vorsitzenden des Obersten Gerichts, William H. Rehnquist, wurde Oberinspektor beim Gesundheitsministerium, der Sohn von Justizminister Antonin Scalia erhielt eine Spitzenposition im Arbeitsministerium und die Tochter und der Schwiegersohn des Vizepräsidenten Cheney bekamen eine hervorragende Stellung in der Landesjustizverwaltung.

Bush machte die Ehefrau von Senator Mitch McConnell (Republikaner-Kentucky) zu seiner Arbeitsministerin, sowie die Söhne des texanischen Bilanzprüfers Carole Keeton Strayhorn zu seinem Presssekretär und Direktor für staatliche Gesundheitsfürsorge. Im Jahre 2001 wählte er den früheren Abgeordneten im Haus Asa Hutchinson, Bruder des damaligen Senators Tim Hutchinson, (Republikaner-Arkansas) zum Leiter der Bundesbehörde zur Überwachung von Arzneimitteln.

Familiennamen haben Einfluss auf Bundesstaats- und auf Kommunalebene und nicht nur in Jeb Bushs Florida oder Richard Daleys Chicago. Der neu gewählte Gouverneur von Missouri, Gouverneur Matt Blunt, (Republikaner) ist der Sohn des für die Parteidisziplin verantwortlichen Majority Whip im Haus, Roy Blunt (Republikaner-Missouri.)

Die größtangelegten politischen Stammbäume findet man jedoch im Kongress. Im Senat sind nicht weniger als sechs gegenwärtige Amtsträger ihren Vätern in dieses Staatsorgan gefolgt. Markowski, Evan Bayh, (Demokrat–Indiana) Lincoln D. Chafee, (Republikaner-Rhode Island) Christopher J. Dodd, (Demokrat – Connecticut) Robert F. Bennett (Republikaner- Utah) und Mark Pryor (Demokrat-Arkansas). Fünf andere hatten Verwandte in anderen hohen Positionen. John E. Sununu, (Republikaner-New Hampshire) dessen Vater Gouverneur und im Weißen Haus Stabschef war, Judd Gregg, (Republikaner-New Hampshire) dessen Vater Gouverneur war, Mary Landrieu, (Demokrat-Louisana) deren Vater Bürgermeister von New Orleans war, John D. Rockefeller IV, (Demokrat-West Virginia), dessen Onkel Vizepräsident war, James M. Jeffords, (Republikaner-Vermont) dessen Vater Vorsitzender des Obersten Staatsgerichts war und Jon Kyl, (Republikaner-Arizona) dessen Vater im Haus diente.

Vetternwirtschaft wurde 2004 in Alaska zum Thema für die Murkowskis. Frank H. Murkowski jedoch blieb ungerührt, als seine Tochter das Mandat erhielt, das er 22 Jahre lang innegehabt hatte. „Ich glaubte, dass die Person, die ich für die restlichen zwei Jahre meiner Amtszeit ernenne, jemand sein sollte, der meine grundsätzliche Philosophie und meine Werte teilt,“ bemerkte Murkowski im Jahre 2002.

Nach Meinung des Zentrums für amerikanischen Frauen und Politik, wurden 45 Frauen in den Kongress gewählt, um Stellen zu füllen, die durch den Tod ihres Ehemanns frei geworden waren. Es gibt jetzt mindestens drei Witwen von früherer Abgeordneten im Kongress. Die Abgeordneten Mary Bono, (Republikaner-Kalifornien), Lois Capps, (Demokrat-Kalifornien) und Jo Ann Emerson, (Republikaner-Missouri). Im Senat sitzen drei Witwen prominenter Politiker: Elizabeth Dole, (Republikaner-North Carolina) Clinton und Olympia J. Snowe, (Republikaner-Maine) Ehefrau des früheren Gouverneurs von Maine, John R. McKernan, Junior.

Der Kongress hat mindestens auch drei Bruderpaare. Die neu gewählten Abgeordneten John T. Salazar (Demokrat-Colorado) und Senator Ken Salazar (Demokrat-Colorado), Senator Carl M. Levin , (Demokrat-Michigan) den Abgeordneten Sander M. Levin, (Demokrat-Michigan) sowie die Abgeordneten Lincoln und Mario Diaz-Balart (Republikaner-Florida) (Söhne des früheren kubanischen Senators). Dann sind da noch die Udalls: der Abgeordnete Mark Udall (Demokrat-Colorado) ist Sohn des früheren Kongressabgeordneten und Präsidentschaftskandidaten Morris Udall, Cousin des Abgeordneten Tom Udall (Demokrat–New Mexico) – dessen Vater Kabinettsminister und Cousin - von Senator Gordon Smith (Republikaner–Oregon) -- war.

Nicht alle waren jedoch erfolgreich bei dem Versuch der Amtsnachfolge ihrer Verwandten in den Kongress. Der Sohn des damaligen Abgeordneten Nick Smith, (Republikaner-Michigan) Brad, verlor in der Vorwahl beim Versuch seinem Vater nachzufolgen. Auch im letzten Jahr misslang dem Republikaner Billy Tauzin III. von Louisiana die Nachfolge seines aus dem Amt scheidenden Vaters. Im Jahre 2002 gelang Scott Armey nicht die Nachfolge seines Vaters, des früheren Haus-Wortführers Richard K. Armey (Republikaner–Texas).

Viele im Haus zogen jedoch aus den politischen Vorfahren großen Nutzen. Russ Carnahan, (Demokrat-Missouri) dessen Vater Gouverneur war und dessen Mutter Senatorin war, Dan Boren, (Demokrat-Oklahoma), Connie Mack, (Republikaner-Florida) und Rush D. Holt, (Demokrat-New York), deren Väter Senatoren waren, Patrick J. Kennedy, (Demokrat- Rhode Island) dessen Vater Senator Edward M. Kennedy ist (Demokrat-Massachusetts), Shelley Moore Capito, (Republikaner–West Virginia), Jim Cooper, (Demokrat-Tennessee) und Jim Matheson, (Demokrat-Utah), deren Väter Gouverneure waren, Stephanie Herseth, (Demokrat –South Dakota) deren Großvater Gouverneur war und William Shuster, (Republikaner-Pennsylvania.), Walter B. Jones, Junior, (Republikaner-North Carolina) John J. Duncan Junior, (Republikaner-Tennessee) John D. Dingell, (Demokrat-Michigan), Charles Bass, (Republikaner-New Hampshire) James T. Walsh, (Republikaner-New York), Alan B. Mollohan, (Demokrat-West Virginia) und Daniel Lipinski, (Demokrat-Illinois), deren Väter alle im Haus gedient haben.

„Es hilft sicherlich“, sagte Lipinski letzte Woche, den Namens des Vaters und seine Unterstützung zu haben. Aber der neue Kongressabgeordnete, ein promovierter Politikwissenschaftler bemerkt, dass ihn dieses Vermächtnis nur soweit bringen wird. „Die Vorwahlen finden von heute an gerechnet in 14 Monaten statt”, stellte er fest. „Wenn ich meine Sache nicht gut mache, bin ich draußen.“

 

 
   

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